Foto: Asef Hossaini
31. März 2020

Wenn die Sonnenallee leergefegt ist

Von AbdolRahman Omaren

Mich beunruhigt, wie rasch sich Corona ausbreitet. Die Zahl der Infizierten steigt weltweit im Minutentakt. Ich will da nicht viel zu sagen, sondern eine Geschichte erzählen: Ein Wohlhabender wurde gefragt, wie groß sein Reichtum sei. Dieser antwortete: „Vor oder nach der Frage?“. Genauso verhält es sich mit den an Covid 19 erkrankten: Ständig steigen die Zahlen.

Als Journalist, der in Berlin lebt und für eine arabischsprachige Nachrichtenplattform arbeitet, lese ich täglich die Kommentare aus der arabischen Community zu unseren Artikeln über die Epidemie. Da gibt es ganz unterschiedliche Stimmen. Manche glauben, Corona sei eine große Verschwörung; die Medien übertreiben, sagen sie. Andere schreiben, das Virus sei erschreckend real, und rufen dazu auf, sich von den Ursachen der Infektion fernzuhalten. Viele schreiben über Langeweile und Einsamkeit, die sie durchleben, da sie nicht ausgehen dürfen. Einer schrieb etwas Lustiges: „Ich habe entdeckt, dass ich mit meiner Familie Spaß haben kann. Meine Mutter hat witzige Geschichten und Erinnerungen auf Lager und mein Vater kann gut Schach spielen. Wäre ich nicht gezwungen zu Hause zu bleiben, hätte ich nie herausgefunden, dass meine Eltern so unterhaltsam sind.“

Die Reaktion der arabischen Gemeinschaft in Berlin auf die von der Regierung beschlossenen Schutzmassnahmen ist unterschiedlich. Einige übertreiben es mit der Vorsicht so sehr, dass es an Hysterie grenzt. Einer schreibt auf Facebook: “Ich besuchte ein Restaurant bevor es schloss. Als ich auf Toilette ging, öffnete ich die Tür mit meinem Ellbogen, hob den Toilettendeckel mit meinem Fuß, drehte den Wasserhahn mit meinem Rücken und drückte die Spülung mit meinem Kinn. Ich ging aus dem Badezimmer ohne meine Hose hochzuziehen. Ich habe das Gefühl, dass ich verrückt werde.“

Viele Araber in dieser Stadt sind wie die anderen Berliner, sie halten sich an die sozialen Isolation – und das nicht, weil sie an deren Nutzen glauben und überzeugt sind, dass so das Virus gestoppt wird, sondern, weil die Behörden es anordnen, und weil die Polizei überwacht, dass die Bürger die Anweisungen umsetzen. Bevor die Corona-Situation sich in Berlin verschärfte und viel verboten wurde, lebten die Menschen in der Sonnenallee ihr normales Leben und trafen sich ganz normal, und das trotz der Empfehlungen der Regierung. An die hat sich dort anfangs keiner gehalten – weder Araber noch Deutsche noch Bewohner vom Mars.

Später, als die Polizei dann eingriff, blieb die sonst belebt Straße leer – und das den ganzen Tag und in den folgenden Tagen. Ich hätte nie gedacht, dass die Sonnenallee, die auch Arabische Straße in Berlin genannt wird, jemals so leer sein würde. Begannen die Menschen nun doch an die Gefahr des Virus zu glauben? Ich glaube nicht. Sie hielten sich lediglich an die staatlich auferlegten Maßnahmen zum Gesundheitsschutz; die Geschäfte, Restaurants und Shisha-Cafes schlossen.

Deutsche, Araber und andere Einwohner Berlins sind sich nicht einig, wie sie mit der Corona-Krise umgehen sollen. Einige begeben sich in Isolation, andere stoppen alle sozialen Interaktion. Wieder andere bestehen darauf, weiterhin in den Park zu gehen und sich zu sonnen – auch wenn das verboten ist. Die Angst vor dem Virus lässt sich nur in den Supermärkten erkennen. Ja, dort sehe ich leere Gemüse- und Konservenregale. Vor allem fehlt das Toilettenpapier. Dann weiß ich, dass die Menschen besorgt sind und an die Gefahr der Epidemie glauben. Und diese Situation haben wir in den arabischen Lebensmittelläden genauso wie in den deutschen.

Keine Ahnung, was die Menschen mit all den Lebensmitteln machen werden, die sie vor lauter Angst kaufen. Die Geschäfte haben ja immer noch jeden Tag geöffnet, und fast alles ist im Überfluss zu haben.Nur die Art und Weise, wie wir die Läden betreten, hat sich geändert – sie ist jetzt besser organisiert, um Staus zu vermeiden. Das Einkaufen deuert jetzt länger. Ich habe natürlich auch Vorräte angelegt. Aber es hat nicht lange gedauert, da hatte ich alles weggefuttert. Eins steht jetzt schon fest: Am Ende dieser Epidemie haben wir alle kräftig zugenommen.

Ich denke, dass unser Kampf gegen Corona als Individuen, Institutionen und Länder ein langer Kampf sein wird. Während Wissenschaftler gegen die Zeit rennen, um einen Impfstoff gegen diese die Grenzen überschreitende Epidemie zu finden, bleibt die Zeit für uns Menschen stehen. Die Zeit fern von unserer Arbeit, unseren Freunden verläuft nur sehr langsam. Doch das ist nicht wichtig. Wichtig ist, der Epidemie entgegenzutreten und die Verbreitungskette zu durchtrennen. Das ist die Wahrheit, die jeder hinnehmen sollte, unabhängig von seiner Herkunft, Rasse, Religion, Farbe oder allem, was sie anders macht.

AbdolRahman Omaren (41) ist Journalist aus Syrien. Er koordiniert die arabische Redaktion von Amal, Berlin! Die Nachrichtenplattform informiert auf Arabisch und Dari/Farsi, was in der Stadt los ist.

Übersetzung: Karin El Minawi