Photo: Steffen Schellhorn- EPD
22. Dezember 2019

„Weihnachten macht uns alle Jahre wieder glücklich“

Es war wegen der Kinder, dass sie anfingen, Weihnachten zu feiern. Die waren damals noch klein. „Wir wollten, dass sie sich in der neuen Kultur nicht fremd und isoliert fühlen“, sagt Jamila Mirahmadi, Mutter aus Afghanistan und seit 20 Jahren in Deutschland. „Hinzu kommt, dass Weihnachten ein fröhliches Fest ist, und in der schwierigen Anfangszeit in Deutschland hatten wir diese Aufmunterung besonders nötig.“

Jamila Mirahmadi lebt mit ihrem Mann und ihren drei inzwischen erwachsenen Kindern in Hamburg. Vor ein paar Tagen hat sie, wie jedes Jahr Ende Dezember, in ihrer Wohnung den Weihnachtsbaum geschmückt. Das macht sie immer wieder glücklich. Jamila glaubt, dass der Baum dazu beigetragen hat, dass sie sich nicht so entwurzelt, isoliert und an den Rand gedrängt fühlen wie viele andere, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.

 

Weihnachten ist Teil unserer Kultur geworden

Jamila Mirahmadi hat einen Master-Abschluss in Biologie und arbeitet in einem Krankenhaus in Hamburg. Sie erzählt, dass es oft lange dauert, bis Menschen aus Afghanistan sich an die kulturellen und sozialen Gegebenheiten in Deutschland gewöhnen. „Wir haben sicher zwei Jahre gebraucht, bis wir die wichtigen Feiertage kannten, und wussten, was und wann die Deutschen feiern“, sagt sie.  „Nach zwei Jahren haben wir dann das erste Mal auch Weihnachten gefeiert.“

Jamila beobachtet, wie die Welt immer kleiner wird, fast wie ein Dorf, und wie die Nationen zum Beispiel in Bezug auf die wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften von einander beeinflusst werden. Traditionen, Musik und Verhaltensweisen werden weitergegeben. Es ist wichtig für den einzelnen, sich in die Gesellschaft einzubringen und auf der einen Seite die guten eigenen Traditionen zu pflegen, auf der anderen aber auch die positiven Traditionen der neuen Umgebung zu genießen.

„In unserer Familie ist Weihnachten inzwischen Teil unserer Kultur“, sagt Ghulam Faruq Mirahmadi, der Ehemann von Jamila. „Ungefähr drei Wochen vor Weihnachten fahren wir mit der ganzen Familie in die Innenstadt und bummeln über den Weihnachtsmarkt. Eine Woche vor dem Fest schmücken wir dann den Baum mit Lichtern und Kerzen, und alle Familienmitglieder legen Geschenke darunter. Anfangs hatten wir einen richtigen Baum, seit ein paar Jahren verwenden wir nun einen künstlichen Weihnachtsbaum. Das ist unser Beitrag zum Klimaschutz.“ Ghulam Faruq Mirahmadi und seine Familie kochen am Weihnachtsabend afghanische Gerichte und servieren dazu gebratene Ente.

Als Afghanen kommen die Mirahmadis aus sehr traditionellen Kultur, trotzdem können sie Weihnachten und die damit verbundenen Bräuche positiv sehen. „Deutschland und Afghanistan sind wie zwei Welten. Lebensstandard, Traditionen und Bräuche sind total verschieden“, sagt Mirahmadi. „Als wir hier ankamen, fanden wir manche der hiesigen Traditionen interessant und konnten sie gut akzeptieren. Andere empfanden wir als fremd und taten uns schwer damit. Mit Weihnachten hatten wir am wenigsten Probleme. Dieser Tag ist ja nicht nur der Geburtstag von Jesus, sondern auch ein großes Familienfest. Das verträgt sich mit unseren religiösen und nationalen Überzeugungen.“

 

In Afghanistan gab es auch andere Zeiten

In Bezug auf Respekt für andere Religionen und Kulturen gibt es große Unterschiede zwischen der afghanischen und der deutschen Kultur. Afghanistan ist im radikalen Islam gefangen und extremistische Gruppen prägen den Alltag. In Deutschland dahin gegen glauben die Menschen, dass Religionsfreiheit ein wichtiges Gut ist. Aber auch in Afghanistan gab es andere Zeiten.

„Vor dem Krieg haben dort Muslime, Juden, Sikhs und Hindus zusammen gelebt und gearbeitet“, sagt Mirahmadi über die kulturelle Vielfalt in Afghanistan vor 40 Jahren. „Sie alle haben ihre religiösen Rituale frei praktiziert.“ Leider sei aber heute der Extremismus tief in der Gesellschaft verwurzelt. Mehr als 40 Jahre Krieg habe das friedliche Zusammenleben zerstört.

Weihnachten zu feiern ist auch ein Ausdruck dafür, die Vielfalt der Kulturen zu respektieren. Hamasa Barekzai ist 31 Jahre alt und Tochter der Familie. Sie hat in Hamburg Deutsche Literatur studiert und den Master gemacht. Sie war zwölf, als ihre Familie Afghanistan verlassen musste. „Ich kann mir schwer vorstellen, was aus mir geworden wäre, wenn meine Familie in Afghanistan geblieben wäre“, sagt sie. „Vielleicht würden wir heute nicht mehr leben. Ich weiß, dass wir unser Zuhause verlassen haben, um unser Leben zu retten. Und ich weiß sicher, dass ich ohne die Flucht niemals der Abschluss bekommen hätte, den ich genossen habe.“

 

Afghanistan kennen sie nur aus den Geschichten des Vaters

Heute ist Afghanistan für sie in weiter Ferne. Aber sie kennt die Kultur, Literatur, die Bräuche und die Religionen des Landes. Ihr Vater ist Schriftsteller, und er schreibt über diese Themen. „Ich lese seine Texte Korrektur“, sagt sie. „Seine Geschichten bringen mich zurück in mein Land und lassen mich die Landschaft, die Geschichte und die Menschen wieder neu entdecken.“

Samir Mirahmadi ist Sohn der Familie und 20 Jahre alt. Er hat Wirtschaft an der Universität Hamburg studiert. An Afghanistan kann er sich nicht erinnern. „Dass wir Weihnachten gefeiert haben, war für mich als Kind sehr wichtig. Es hat mich mit der Kultur der Menschen um mich herum vertraut gemacht“, sagt er und freut sich schon auf die freien Tage und das Fest. „Dass wir gefeiert haben, hat mir geholfen, Teil dieser Gesellschaft zu werden und ein Gefühl von Zugehörigkeit zu dieser anderen Kultur zu entwickeln.“

Alle drei Kinder der Familie haben studiert und Examen gemacht, jeder in einem anderen Fach. Die Jüngste ist Lima. Sie hat Kommunikationsdesign studiert.

Faruq Mirahmadi ist heute einer der wenigen afghanischen Schriftsteller, die auf deutsch schreiben. Er möchte den Deutschen ein anderes Bild von Afghanistan vermitteln, als das, was sie kennen. In seinen Büchern erzählt er Geschichten vom Alltag, der Kultur, der Geschichte, von den Bräuchen und Traditionen der Afghanen in den vergangenen 50 Jahren. Seine neuestes Geschichte heißt „Mein erster Kassettenrekorder“ und wurde kürzlich bei der 12. Bonner Buchmesse Migration in der Kategorie „Kinder- und Jugendgeschichten“ mit dem zweiten Platz ausgezeichnet.