Foto: Jann Wilken

“Wir kümmern uns darum!”

Wie wird man in Deutschland erfolgreich? Das war die Ausgangsfrage unserer Veranstaltung im Körber-Forum. Amal, Hamburg!, das Hamburger Abendblatt und die Körber-Stiftung hatten gemeinsam zu einer Podiumsdiskussion mit prominenten Gäste eingeladen. Amal, Hamburg!-Chef Omid Rezaee und HAB-Redakteur Sven Kummereinke moderierte den Abend und befragten Staatsrätin Petra Lotzkat, die Leiterin der Existenzfründerinitiative LeethHub St.Pauli e.V. Julia von Weymarn und Faisal Hamdo, Physiotherapeut und Autor zu Themen rund um Integration in den Arbeitsmarkt, Karrierechancen in Deutschland und warum es manchmal alles doch ganz schön kompliziert erscheint.
Zunächst berichtete Faisal Hamdo von seinen Erfahrungen. Der Krankengymnast kam 2014 nach Deutschland und arbeitet inzwischen wieder in seinem Beruf am UKE Krankenhaus in Hamburg. Bekannt geworden ist er, weil er über seine Flucht und seine Erfahrung in Hamburg ein Buch geschrieben hat. “Eines ist ganz klar: Das Wichtigste ist die Sprache!”, sagte er. Zudem sei es für die Neuankommenden wichtig, das “System Deutschland” zu verstehen, um den richtigen Weg ins Berufsleben zu finden.”Es gibt in Deutschland viele Regeln und Gesetze. Das wirkt zunächst wie viele Hürden auf dem Weg zu einem Job. Ehrlich gesagt freue ich mich aber über diese Regeln. In meiner Heimat gab es keine solchen Gesetze, die den Zugang regeln, aber dafür viele Hürden, die mir vom System in den Weg gelegt wurden und die es Leuten wie mir unmöglich machten, etwas aus sich zu machen”.

Auch Petra Lotzkat, die zuständige Staatsrätin für Integration zeichnet ein zwar durchwachsenens aber doch eher positives Bild, was die Integration in den Arbeitsmarkt angeht. Inzwischen hätten rund Zweidrittel der 2015 nach Hamburg gekommenen Arbeit gefunden. Bei vielen, die noch keine Stelle gefunden hätten, handele es sich um Menschen mit sehr wenig Ausbildung und oft auch wenig Schulbildung. “Hier müssen wir Konzepte entwickeln, wie Schulabschlüsse nachgeholt werden können und die Menschen qualifiziert werden können”. Zufrieden sei sie mit vielen gesetzlichen Anpassungen, die in den vergangenen Jahren erreicht wurden. So sei es inzwischen möglich, viele Menschen, die Berufserfahrungen in der Heimat gesammelt haben durch praktische Tests so einzustufen, dass ihre Qualifikation auch ohne formelles Zeugnis hier anerkannt werden kann und sie in das Berufsleben integriert werden können.

Sie räumte ein, dass es trotz vieler Erfolge, aber auch weiterhin Probleme gebe. So stehen viele Neuangekommene vor dem Problem, dass ihre Schulzeugnisse nicht anerkannt werden. Davon sind besonders viele Afghanen und Afghaninnnen betroffen. “Wir wissen, dass die Anerkennung von Schulabschlüssen aus Afghanistan ein großes Problem darstellen kann”, sagte sie. Dabei gehe es häufig darum, dass die Echtheit der Zeugnisse nicht geprüft werden könne. Derzeit arbeite sie zusammen mit der Schulverwaltung an einer Lösung. “Man könnte da Verfahren, die es im Hochschulbereich gibt, übertragen. Man könnte auch auf die Idee kommen, so wie im Handwerksbereich eine externe Prüfung abzunehmen, um zu sehen, ob die Person über die entsprechenden Kenntnisse verfügt”.
Der dritte Podiumsgast, Julia von Weymarn, Geschäftsführerin von leetHub St. Pauli e.V organisiert regelmäßig Existenzgründungsseminare für Neuangekommene. Aus ihrer Sicht sei es das Wichtigste, eine gute Idee zu entwickeln und sich dahinterzuklemmen, sie umzusetzen. Natürlich spielten Sprachkenntnisse und Kenntnisse über die deutsche Geschäftswelt eine Rolle. “Das Wichtigste ist jedoch, dass man mit seiner Idee überzeugt und dass man gute Kontakte hat”, beschrieb sie. Sie machte darauf aufmerksam, dass neuangekommene Frauen bei der Integration in den Arbeitsmarkt, egal ob als Angestellte oder als Existenzgründerinnen, stark unterrepräsentiert seien. Staatsrätin Lotzkat stimmte ihr zu: “Auch das ist ein großes Thema. Wir kümmern uns darum”, sagte sie.
Im Anschluss hatten die Besucher und Besucherinnen der Veranstaltung die Möglichkeit, mit verschiedenen Organisationen und Initiativen in Einzelgesprächen weiterzudiskutieren. Die Eingangshalle des Körber-Forums hatte sich in eine Mini-Jobmesse verwandelt.

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„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, Ludwig Wittgenstein.

An meinem ersten Tag in Deutschland nahm ich das Buch „ Deutsch für Anfänger“ und begann darin zu blättern. „Hallo, wie geht es dir?“, war der erster Satz, den ich gelernt habe. Ich weiß noch wie oft ich ihn wiederholte, bis ich ihn einigermaßen aussprechen konnte. Da wusste ich wie schwierig diese Sprache ist und was für ein harter Weg auf mich warten wird. Ich ging durch die Straßen und hörte wie die Menschen um mich herum Gespräche führten, lachten und laut waren – aber ich hörte nur Lärm und verstand nichts. Ich war hilflos und sehnte mich nach Kommunikation. Ich fühlte mich eingeschränkt und diese Grenze begleitete mich durch meinen Alltag. Mein Welt war klein, so klein, dass nur sehr wenige Menschen darein passten. Ich wusste aber, dass die Schule meine Rettung sein würde und träumte davon eines Tages zur Schule gehen zu dürfen. Das wäre der Tag, an dem ich befreit werden würde, dachte ich damals.

In der Schule

Nach langem Warten war ich endlich in der Schule. Ich wurde in eine IVK-Klasse gesteckt, eine Internationale Klasse. Sie war in einem Gymnasium, das bei uns in der Nähe lag. In dieser Klasse lernten wir Deutsch, Englisch und Mathematik. Ich habe nach einer Weile gemerkt, dass ich in dieser Klasse keine deutsche Schüler*innen kennenlernen konnte, sondern die Sprache nur mit meiner Lehrerin praktizierte. In dem Moment wurde mir klar, dass meine Grenzen noch da sind und mein Welt ebenfalls noch klein ist. Sie ist nur stetig ein wenig erweitert worden. In der Pause aß ich mit meiner koreanische Freundin , und wir unterhielten uns mit den wenigen Vokabeln. Später hörten wir auf zu reden und wurden stumm. Der Saal war aber gefüllt mit Schüler*innen, sie lachten, spielten und schrien. Ich saß in der Mensa, guckte sie an und aß still..

In der Oberstufe

Nach einem Jahr in dieser Klasse hatte ich den ESA (Ersten Schulabschluss) geschafft und ich durfte danach in eine normale Klasse gehen. Ich kam in die zehnte Klasse. Der Tag an dem ich diese Klasse betrat, fühlte sich an, als wäre dies mein erster Tag in Deutschland. Nachdem ich die Sprache gelernt hatte, formte sich der Traum eines Tages Abitur zu machen. Mir wurde klar, dass diese Grenze noch da sind. Ich war die einzige Schülerin in der Klasse, deren Muttersprache nicht deutsch war. Ich hatte das Gefühl, die Lehrer*innen konnten mich nicht verstehen. Sie konnten es nicht spüren, ob ich heute den Text besser verstanden hatte als gestern, oder ob ich besser schrieb. Ich habe mich von Tag zu Tag verbessert, nur diese Verbesserungen steckten in einem toten ³Winkel, denn sie waren klein. Meine Lehrer*innen haben es nicht gesehen, wie viele Stunden ich gelernt habe. Sie konnte es nicht verstehen, dass ich manchmal das dreifache an Zeit in eine Aufgabe investieren musste, im Vergleich zu einem normalen Schüler. Diese Lage frustrierte mich immer wieder aufs neue und es gab auch niemandem mit dem ich darüber reden konnte.

Das Schulsystem

Als ich mehr Schüler*innen mit den gleichen Erfahrungen getroffen habe, sah ich, dass auch sie unter diesem Druck litten, viele bleiben bis heute unsichtbar. Ich fragte mich, ob das vielleicht am Schulsystem lag.

Um diese Frage zu beantworten, sollten wir uns die Pisa Studie angucken. Diese Studie untersucht den Bildungszustand der OECD-Länder. Es werden 15-Jährige Schüler*innen in Bereichen der Naturwissenschaften, Mathematik und der Lesekompetenz getestet. Anhand dieser Ergebnisse, stellen sie einen Bericht vor. Im aktuellsten Bericht von 2018 sieht man, dass Deutschland nur knapp über dem Durchschnitt liegt. Auch wird durch diese Studie klar, dass Schüler*innen mit einem Migrationshintergrund vergleichsweise schlechter abschneiden, als die anderen. Es herrscht also keine Chancengleichheit in unserem Bildungssystem. Ich dachte öfter daran aufzugeben und die Schule abzubrechen. Aber dann passierten ein paar richtig gute Dinge.

Über die Grenze hinaus

Der erste Glücksfall war, dass ich nach zwei Jahren ein Stipendium bekommen habe, welches mir nicht nur finanziell half, sondern mir auch Zugang zu Nachhilfe und Büchern gewähret, die speziell auf mich zugeschnitten waren. Die anderen Stipendiaten waren mir ähnlich und ich fühlte mich dort direkt verstanden. Viele hatten auch einen Migrationshintergrund, und ich lernte, dass ich mit meinen Problemen nicht allein war. Ich fing an, mich zu vernetzen.Zweitens lernte ich um Hilfe zu bitten. Anfangs fiel mir das schwer. Aufgaben, die ich nicht verstand, erledigte ich häufig einfach nicht. Später verstand ich, dass man allein nicht alles schaffen kann und muss. 

Drittens verstand ich, ass Noten einen nicht definieren, egal wie sehr das Schulsystem diese Idee verbreiten möchte. Die Zeiten in der Schule sind dafür da, damit man seine Identität näher kennenlernt. Man muss sich ausprobieren und herausfinden wo die eigenen Stärken liegen. Unterwegs kann man immer wieder auch mal scheitern. Man sollte aus Fehlern lernen können und nicht von ihnen definiert werden.

Shereen Sayda