29. September 2020

Das neue Bild von Amal

Puh, waren wir aufgeregt, heute vor vier Jahren. Noch dreimal schlafen bis zum Start von Amal; bis aus einer verwegenen Idee Wirklichkeit werden sollte. Die Idee sah so aus: Journalistinnen und Journalisten aus Syrien, Afghanistan, Iran und Ägypten würden in Berlin (und später dann in anderen Städten) eine Nachrichtenplattform aufbauen, um die vielen Geflüchteten, die damals neu im Land waren, mit Nachrichten in ihrer Muttersprache zu versorgen und sie so von Anfang an in das Geschehen in ihrer neuen Heimat einzubinden. Über Facebook hatten wir von dieser Idee erzählt – und quasi über Nacht mehr als hundert Bewerbungen bekommen – von Menschen, die vor der Flucht für Medien gearbeitet hatten und nun ausgebremst in irgendwelchen Unterkünften saßen, Geld vom Jobcenter bezogen und darauf hofften, dass sie eines Tages wieder in ihrem Beruf arbeiten könnten. Nach zahllosen Vorstellungsgesprächen hatten wir dann ein Team zusammen – zehn Männer und Frauen, die mindestens genauso aufgeregt waren wie wir, als am 26. September 2016 der zweimonatige Workshop begann, der sie auf das journalistische Arbeiten in Deutschland vorbereiten sollte. Ein schnell mit dem Handy geknipstes Bild, entstanden am Portal zur Evangelischen Journalistenschule als Amals Heimstatt, erinnert an diesem Tag vor vier Jahren.
Weit sind wir seither gekommen. Schauen Sie sich das neue Gruppen-Foto von der Hamburger Redaktion an. Es ist ganz frisch, der Hamburger Fotograf Jann Wilken, der uns begleitet, hat es vergangene Woche am Rödingsmarkt gemacht. Sein aktuelles Bild vom Amal-Team zeigt Profis bei der Arbeit. Menschen, die ihr Handwerk verstehen und ihre Zielgruppe erreichen. Die Teil ihrer Community sind, Vorbilder für viele; die zeigen, dass es möglich ist, in der Fremde neu anzufangen und heimisch zu werden und eine Arbeit zu machen, die stolz macht und zugleich der Allgemeinheit dient – jenen, die als Flüchtlinge herkamen ebenso wie jenen, die schon lange oder immer hier leben.
Kurz möchte ich Ihr Augenmerk noch auf die Person vorne rechts im Bild lenken. Es ist Johanna Eisenhardt von der Körber-Stiftung, die an diesem sonnigen Mittag spontan beim Fototermin als Model eingesprungen ist. Sie steht hier stellvertretend für die vielen tollen Menschen – in der Evangelischen Kirche, der Evangelischen Journalistenschule, der Schöpflin Stiftung, der Körber-Stiftung, der Stiftung Mercator und vielen anderen Organisationen – , ohne die unsere Arbeit nicht möglich ist. Unsere Bitte: Bleiben Sie uns gewogen und helfen Sie mit, Amal in die Zukunft zu bringen – mit guten Ideen, hilfreichen Netzwerken, schönen Kooperationen, wertvollen Gesprächen und natürlich auch mit Geld.

Wenn der Vater dem Sohn die rote Linie zeigen will

Nun zu unseren Themen in dieser Woche – wie immer bieten wir an, die Beiträge auch für deutsche Medien zu übersetzen. Vor kurzem hat sich in Frankfurt ein Junge in Mädchen verliebt. Passiert ja. Nur dass der Junge in Afghane war, und sein Vater gar nicht lustig fand, dass sein Sohn und dessen Klassenkameradin bald unzertrennlich waren. Der Vater fürchtete um die Ehre der Familie, er sprach ein ernstes Wort. Doch das half nicht. Die beiden Verliebten trafen sich weiter. Der Vater wurde wütend, er schlug seinen Sohn. Doch der Junge wächst in Deutschland auf, er weiß, dass Gewalt in der Familie hier nicht toleriert wird, und geht zur Polizei. Und der Vater hat nun ein Problem.

 

Noorullah Rahmani hat diese und andere Geschichten aus dem Alltag von afghanischen Familien in Deutschland aufgeschrieben – und er hat Professor Mohammad Hossein Rezaei gefragt, was die Eltern denn tun können, um zwischen den Kulturen nicht zu verzweifeln. Rezaei hat früher an einer privaten Universität in Kabul Psychologie gelehrt, er kennt sich aus mit den Belastungen durch die neue Umgebung. Er sagt, es sei wichtig, die kulturellen Unterschiede zu kennen und zu berücksichtigen. In der Tradition, die für den Vater noch sehr präsent ist, sei zum Beispiel Sex vor der Ehe eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf, um das Ansehen der Familie nicht zu gefährden. Aber im deutschen Kontext existiere diese rote Linie nicht. Im Gegenteil. Wenn der Vater versucht, den Sohn mit Gewalt hinter diese Linie zu drängen, bekommt er hier nicht Anerkennung dafür, sondern muss mit Strafe rechnen. Die individuellen und sozialen Rechte auch der Jugendlichen sind geschützt. „Mit Schlägen, Stubenarrest oder Einschüchterung erreichen die Eltern meist das Gegenteil von dem, was sie wollen“, so Professor Mohammad Hossein Rezaei. Den Artikel übersetzen wir gerne.

 

Was macht ein Kamel in Deutschland?

Kürzlich haben die Kollegen der Hamburger Redaktion einen Ausflug gemacht: Sie waren zusammen in Hagenbecks Tierparkt. Ziel war, rechtzeitig vor den Herbstferien eine schöne Reportage zu produzieren, die Eltern und ihren Kindern auch in Zeiten von Corona ein Ferienabenteuer empfiehlt. Abbas Al Deiri war ziemlich beeindruckt, wieviel Platz zum Leben die Tiere in diesem Zoo haben. Und mit wie viel Achtsamkeit dort für das Wohl der Tiere gesorgt wird. Dem Elefanten zum Beispiel warf der Wärter immer wieder Erde auf den Rücken, die dieser dann vergnügt mit seinem langen Rüssel wieder wegblies. Ein gutes Spiel gegen die Langeweile. Besonders glücklich war Abbas, als er die Kamele entdeckte. Kamele mit Migrationshintergrund, wie ihnen der Tiertrainer erklärte. Aufgewachsen in der Wüste. Damit sie sich in Deutschland zu Hause fühlen, wurden tonnenweise Sand in ihr Gehege gebracht. Ob auch der Sand aus der Wüste kommt – oder etwa von einem norddeutschen Strand – ließ sich auf die Schnelle nicht rekonstruieren.

 

Göttin Ishtar und die Kunst, sich auszudrücken

 

Was für ein Aufwand. Das Tor von Ishtar, nachgebaut aus Pappe und Kleister und anderen einfachen Materialien. Groß genug, als dass man aufrechten Ganges hindurchlaufen kann. Und leuchtend blau wie das Original, das berühmte Stadttor von Babylon, das heute wenige Kilometer weiter das Herzstück des Pergamon-Museum bildet. Aber das nachgebaute Tor gleicht dem antiken Kunstwerk nicht ganz: Rote Elemente brechen die Muster. „Sie stehen für die Schwierigkeiten, mit denen wir konfrontiert sind“, sagt Nahet Mansour, die Künstlerin, auf deren Initiative diese Arbeit zurückgeht. Nahet Mansour hat vor vier Jahren an der Universität der Künste in Berlin das Projekt Fasahat ins Leben gerufen. Seither gehen neu angekommene Künstler*innen in die Flüchtlings-Unterkünfte, um dort Workshops und Ausstellungen zu organisieren. Sie geben den Neuangekommenen Räume, um sich auszudrücken. Amloud Alamir stellt die Arbeit von Fasahat vor. Das Video hat deutsche Untertitel.

Amal, Berlin! berichtet auf Arabisch und Farsi/Dari über alles, was in Berlin wichtig ist. Gerne übersetzen wir einzelne Artikel auch ins Deutsche und stellen sie Redaktionen gegen Honorar zur Verfügung.

Bitte wenden Sie sich per Mail an:
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Fotos/Illustration: Jann Wilken, Amloud Alamir