Foto: Flamur Nikolli
14. Februar 2020

Hamburg wählt, wir wählen mit!

Integration ist eines der großen Themen im Hamburger Wahlkampf. Es wird viel über die Neuangekommen gesprochen. Manche Parteien betonen die Probleme, andere sprechen von Potentialen. Und was sagen die, um die es geht? Nilab Langar und Mutaz Enjila von Amal, Hamburg! haben uns unter Wählern und Wählerinnen umgehört, die ursprünglich aus Afghanistan, Iran und arabischen Ländern kommen. Wem werden sie ihre Stimme geben? Was erhoffen sie sich von der Bürgerschaftswahl?

 

Ich hoffe, dass Hamburg eine bunte Stadt bleibt

Fakhria Menzel arbeitet bei BIN e.V, einem Verein, der Geflüchteten bei der Jobsuche hilft. Vor 30 Jahren kam sie aus Afghanistan:

„Die Bürgerschaftswahl ist schon meine fünfte Wahl hier in Deutschland, aber es ist das erste Mal, dass ich nicht weiß, wem ich meine Stimme geben soll. In den Programmen finde ich nicht die Themen, die mir wichtig sind. Mir ist es am allerwichtigsten, dass die Vielfältigkeit Hamburgs erhalten bleibt. Dieses Nebeneinander verschiedener Kulturen ist etwas Besonders. Es tut weh, wie wenig von Regierungsseite dafür getan wird. Eine so reiche Stadt könnte gut mehr für die Migranten und Migrantinnen tun.

Ich beobachte, dass die Leute, die schon lange hier sind und wählen dürfen, genau beobachten, wer antritt. Es gibt ein großes politisches Bewusstsein. Da ist es umso bedauerlicher, dass die Politik sie ignoriert und die lokalen Politikerinnen und Politiker für sie quasi nicht erreichbar sind.“

 Auch für Flüchtlinge eine wichtige Wahl

  1. Khaled Al Zarei, arbeitet als Logistiker und lebt seit 30 Jahren in Deutschland.

„Die Bürgerschaftswahl ist ein unverzichtbares Element der Demokratie. Ich werde meine Stimmen auf SPD und ÖPD verteilen. Die meisten Menschen wählen ja immer die gleiche Partei. Ich halte es für sehr wichtig, wählen zu gehen. Auch für Flüchtlinge sind diese Wahl ein wichtiges Thema. Unsere Zukunft hängt daran, wer regiert“

 

Meine Stimme zählt

Behnaz Vassighi, geboren im Iran und aufgewachsen in Deutschland, arbeitet bei „Be Social“, einem Projekt mit Geflüchteten.

 „Ich bin eine große Anhängerin der Freiheit und bin glücklich über mein Recht, hier zu wählen und mitzubestimmen. Es wäre wünschenswert, wenn alle Beteiligten ihre demokratischen Pflichten ernst nehmen würden. Bei den ganz Neuangekommenen spielt Politik kaum eine Rolle. Sie interessieren sich dafür, wie sie schnell Deutsch lernen, einen Job und eine Wohnung finden. Hier spielen Organisationen wie unsere eine Brückenrolle, die Wichtigkeit von politischer Mitgestaltung zu verdeutlichen. Ich werde eine Partei wählen, die sich für den Zusammenhalt einsetzt”.

Unsere Belange spielen heute eine viel größere Rolle als früher

Mohammed Khalifa aus Ägypten ist Dozent am Asien Afrika Institut in Hamburg. Er lebt seit knapp 1995 in Deutschland:

„Es hat sich viel verändert. Man kann sehen, dass die Belange von Muslimen und von Menschen aus der arabischen Welt zunehmend beachtet werden. Es ist wichtig, dass wir uns an den Wahlen beteiligen, Verantwortung übernehmen. Allein schon um der Zukunft unserer Kinder Willen. Jeder muss sich einbringen in die Gesellschaft, in der er lebt. Wer sich nicht beteiligt, dessen Interessen können auch nicht vertreten werden und andere werden bestimmen, wer die Regeln macht, an die wir uns dann halten müssen. Es ist unsere Aufgabe, auf Schritt und Tritt Brücken zu bauen und Ängste abzubauen. Ich bitte daher alle ganz herzlich, sich zu beteiligen und zur Wahl zu gehen. Wen sie wählen, das ist ihre Entscheidung, das wichtigste ist, dass sie überhaupt hingehen. Ich würde mich nicht an eine bestimmte Partei binden, sondern von Mal zu Mal entscheiden, wer die Interessen vertritt.“

Es gibt mehr Konkurrenz um die Mitte

Dounia El Korchi, ist Diplom Biologin und lebt seit 20 Jahren in Deutschland:

„Die LINKE und DIE GRÜNEN sind die Parteien, die sich am stärksten für Geflüchtete und Migranten einsetzen. Auch Klimaschutz ist als Thema wichtig. Ich denke, die SPD wird wieder stärkste Partei.  Die SPD wird allerdings schlechter abschneiden als zuvor, denn es gibt jetzt mehr Konkurrenz um die gesellschaftliche Mitte. Ich würde nicht sagen, dass die Wahlen bei Neuangekommenen kein Thema sind. Ich beobachte, dass selbst Leute, die nicht wählen dürfen, über die Wahlen nachdenken. Das ist ja auch klar, denn sie sind ja auch von den Folgen betroffen. Was ich wähle? Eine Partei, die sich für Integration, Klimaschutz und die Belange von Migranten einsetzt und dabei die demokratischen Werte hochhält“.

Bezahlbarer Wohnraum ist das zentrale Thema

Ahmadine Noorzai ist vor 19 Jahren mit Frau und Kindern aus Afghanistan gekommen. Seit 2016 ist er deutscher Staatsbürger und arbeitet seit vielen Jahren als Taxifahrer.

“Ich wähle die SPD und ich gehe davon aus, dass sie zwar Stimmen verlieren wird, aber wieder stärkste Partei wird. Ich tippe auf eine Koalition mit den Grünen. Das war eine gute Koalition und es hat sich viel getan, was die Gestaltung der Stadtplanung angeht. Der Bau von bezahlbaren Wohnungen bleibt das wichtigste Thema. Mir ist sehr wichtig, wer gewinnt und wer in Zukunft in Hamburg die Weichen stellt. Das gilt ganz besonders für Fragen rund um das Thema Einwanderung, Asyl und Integration. Diese Themen sind nicht nur für uns neuen wichtig, sondern für die ganze Gesellschaft. Ein Wahlerfolg von rechten Kräften wie der AfD hätte für alle große Auswirkungen.“

Fotos: Mutaz Enjila, Privat

Übersetzung: Julia Gerlach