Foto: Flamur Nikolli

Hamburg wählt, wir wählen mit!

Integration ist eines der großen Themen im Hamburger Wahlkampf. Es wird viel über die Neuangekommen gesprochen. Manche Parteien betonen die Probleme, andere sprechen von Potentialen. Und was sagen die, um die es geht? Nilab Langar und Mutaz Enjila von Amal, Hamburg! haben uns unter Wählern und Wählerinnen umgehört, die ursprünglich aus Afghanistan, Iran und arabischen Ländern kommen. Wem werden sie ihre Stimme geben? Was erhoffen sie sich von der Bürgerschaftswahl?

 

Ich hoffe, dass Hamburg eine bunte Stadt bleibt

Fakhria Menzel arbeitet bei BIN e.V, einem Verein, der Geflüchteten bei der Jobsuche hilft. Vor 30 Jahren kam sie aus Afghanistan:

„Die Bürgerschaftswahl ist schon meine fünfte Wahl hier in Deutschland, aber es ist das erste Mal, dass ich nicht weiß, wem ich meine Stimme geben soll. In den Programmen finde ich nicht die Themen, die mir wichtig sind. Mir ist es am allerwichtigsten, dass die Vielfältigkeit Hamburgs erhalten bleibt. Dieses Nebeneinander verschiedener Kulturen ist etwas Besonders. Es tut weh, wie wenig von Regierungsseite dafür getan wird. Eine so reiche Stadt könnte gut mehr für die Migranten und Migrantinnen tun.

Ich beobachte, dass die Leute, die schon lange hier sind und wählen dürfen, genau beobachten, wer antritt. Es gibt ein großes politisches Bewusstsein. Da ist es umso bedauerlicher, dass die Politik sie ignoriert und die lokalen Politikerinnen und Politiker für sie quasi nicht erreichbar sind.“

 Auch für Flüchtlinge eine wichtige Wahl

  1. Khaled Al Zarei, arbeitet als Logistiker und lebt seit 30 Jahren in Deutschland.

„Die Bürgerschaftswahl ist ein unverzichtbares Element der Demokratie. Ich werde meine Stimmen auf SPD und ÖPD verteilen. Die meisten Menschen wählen ja immer die gleiche Partei. Ich halte es für sehr wichtig, wählen zu gehen. Auch für Flüchtlinge sind diese Wahl ein wichtiges Thema. Unsere Zukunft hängt daran, wer regiert“

 

Meine Stimme zählt

Behnaz Vassighi, geboren im Iran und aufgewachsen in Deutschland, arbeitet bei „Be Social“, einem Projekt mit Geflüchteten.

 „Ich bin eine große Anhängerin der Freiheit und bin glücklich über mein Recht, hier zu wählen und mitzubestimmen. Es wäre wünschenswert, wenn alle Beteiligten ihre demokratischen Pflichten ernst nehmen würden. Bei den ganz Neuangekommenen spielt Politik kaum eine Rolle. Sie interessieren sich dafür, wie sie schnell Deutsch lernen, einen Job und eine Wohnung finden. Hier spielen Organisationen wie unsere eine Brückenrolle, die Wichtigkeit von politischer Mitgestaltung zu verdeutlichen. Ich werde eine Partei wählen, die sich für den Zusammenhalt einsetzt”.

Unsere Belange spielen heute eine viel größere Rolle als früher

Mohammed Khalifa aus Ägypten ist Dozent am Asien Afrika Institut in Hamburg. Er lebt seit knapp 1995 in Deutschland:

„Es hat sich viel verändert. Man kann sehen, dass die Belange von Muslimen und von Menschen aus der arabischen Welt zunehmend beachtet werden. Es ist wichtig, dass wir uns an den Wahlen beteiligen, Verantwortung übernehmen. Allein schon um der Zukunft unserer Kinder Willen. Jeder muss sich einbringen in die Gesellschaft, in der er lebt. Wer sich nicht beteiligt, dessen Interessen können auch nicht vertreten werden und andere werden bestimmen, wer die Regeln macht, an die wir uns dann halten müssen. Es ist unsere Aufgabe, auf Schritt und Tritt Brücken zu bauen und Ängste abzubauen. Ich bitte daher alle ganz herzlich, sich zu beteiligen und zur Wahl zu gehen. Wen sie wählen, das ist ihre Entscheidung, das wichtigste ist, dass sie überhaupt hingehen. Ich würde mich nicht an eine bestimmte Partei binden, sondern von Mal zu Mal entscheiden, wer die Interessen vertritt.“

Es gibt mehr Konkurrenz um die Mitte

Dounia El Korchi, ist Diplom Biologin und lebt seit 20 Jahren in Deutschland:

„Die LINKE und DIE GRÜNEN sind die Parteien, die sich am stärksten für Geflüchtete und Migranten einsetzen. Auch Klimaschutz ist als Thema wichtig. Ich denke, die SPD wird wieder stärkste Partei.  Die SPD wird allerdings schlechter abschneiden als zuvor, denn es gibt jetzt mehr Konkurrenz um die gesellschaftliche Mitte. Ich würde nicht sagen, dass die Wahlen bei Neuangekommenen kein Thema sind. Ich beobachte, dass selbst Leute, die nicht wählen dürfen, über die Wahlen nachdenken. Das ist ja auch klar, denn sie sind ja auch von den Folgen betroffen. Was ich wähle? Eine Partei, die sich für Integration, Klimaschutz und die Belange von Migranten einsetzt und dabei die demokratischen Werte hochhält“.

Bezahlbarer Wohnraum ist das zentrale Thema

Ahmadine Noorzai ist vor 19 Jahren mit Frau und Kindern aus Afghanistan gekommen. Seit 2016 ist er deutscher Staatsbürger und arbeitet seit vielen Jahren als Taxifahrer.

“Ich wähle die SPD und ich gehe davon aus, dass sie zwar Stimmen verlieren wird, aber wieder stärkste Partei wird. Ich tippe auf eine Koalition mit den Grünen. Das war eine gute Koalition und es hat sich viel getan, was die Gestaltung der Stadtplanung angeht. Der Bau von bezahlbaren Wohnungen bleibt das wichtigste Thema. Mir ist sehr wichtig, wer gewinnt und wer in Zukunft in Hamburg die Weichen stellt. Das gilt ganz besonders für Fragen rund um das Thema Einwanderung, Asyl und Integration. Diese Themen sind nicht nur für uns neuen wichtig, sondern für die ganze Gesellschaft. Ein Wahlerfolg von rechten Kräften wie der AfD hätte für alle große Auswirkungen.“

Fotos: Mutaz Enjila, Privat

Übersetzung: Julia Gerlach

 

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„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, Ludwig Wittgenstein.

An meinem ersten Tag in Deutschland nahm ich das Buch „ Deutsch für Anfänger“ und begann darin zu blättern. „Hallo, wie geht es dir?“, war der erster Satz, den ich gelernt habe. Ich weiß noch wie oft ich ihn wiederholte, bis ich ihn einigermaßen aussprechen konnte. Da wusste ich wie schwierig diese Sprache ist und was für ein harter Weg auf mich warten wird. Ich ging durch die Straßen und hörte wie die Menschen um mich herum Gespräche führten, lachten und laut waren – aber ich hörte nur Lärm und verstand nichts. Ich war hilflos und sehnte mich nach Kommunikation. Ich fühlte mich eingeschränkt und diese Grenze begleitete mich durch meinen Alltag. Mein Welt war klein, so klein, dass nur sehr wenige Menschen darein passten. Ich wusste aber, dass die Schule meine Rettung sein würde und träumte davon eines Tages zur Schule gehen zu dürfen. Das wäre der Tag, an dem ich befreit werden würde, dachte ich damals.

In der Schule

Nach langem Warten war ich endlich in der Schule. Ich wurde in eine IVK-Klasse gesteckt, eine Internationale Klasse. Sie war in einem Gymnasium, das bei uns in der Nähe lag. In dieser Klasse lernten wir Deutsch, Englisch und Mathematik. Ich habe nach einer Weile gemerkt, dass ich in dieser Klasse keine deutsche Schüler*innen kennenlernen konnte, sondern die Sprache nur mit meiner Lehrerin praktizierte. In dem Moment wurde mir klar, dass meine Grenzen noch da sind und mein Welt ebenfalls noch klein ist. Sie ist nur stetig ein wenig erweitert worden. In der Pause aß ich mit meiner koreanische Freundin , und wir unterhielten uns mit den wenigen Vokabeln. Später hörten wir auf zu reden und wurden stumm. Der Saal war aber gefüllt mit Schüler*innen, sie lachten, spielten und schrien. Ich saß in der Mensa, guckte sie an und aß still..

In der Oberstufe

Nach einem Jahr in dieser Klasse hatte ich den ESA (Ersten Schulabschluss) geschafft und ich durfte danach in eine normale Klasse gehen. Ich kam in die zehnte Klasse. Der Tag an dem ich diese Klasse betrat, fühlte sich an, als wäre dies mein erster Tag in Deutschland. Nachdem ich die Sprache gelernt hatte, formte sich der Traum eines Tages Abitur zu machen. Mir wurde klar, dass diese Grenze noch da sind. Ich war die einzige Schülerin in der Klasse, deren Muttersprache nicht deutsch war. Ich hatte das Gefühl, die Lehrer*innen konnten mich nicht verstehen. Sie konnten es nicht spüren, ob ich heute den Text besser verstanden hatte als gestern, oder ob ich besser schrieb. Ich habe mich von Tag zu Tag verbessert, nur diese Verbesserungen steckten in einem toten ³Winkel, denn sie waren klein. Meine Lehrer*innen haben es nicht gesehen, wie viele Stunden ich gelernt habe. Sie konnte es nicht verstehen, dass ich manchmal das dreifache an Zeit in eine Aufgabe investieren musste, im Vergleich zu einem normalen Schüler. Diese Lage frustrierte mich immer wieder aufs neue und es gab auch niemandem mit dem ich darüber reden konnte.

Das Schulsystem

Als ich mehr Schüler*innen mit den gleichen Erfahrungen getroffen habe, sah ich, dass auch sie unter diesem Druck litten, viele bleiben bis heute unsichtbar. Ich fragte mich, ob das vielleicht am Schulsystem lag.

Um diese Frage zu beantworten, sollten wir uns die Pisa Studie angucken. Diese Studie untersucht den Bildungszustand der OECD-Länder. Es werden 15-Jährige Schüler*innen in Bereichen der Naturwissenschaften, Mathematik und der Lesekompetenz getestet. Anhand dieser Ergebnisse, stellen sie einen Bericht vor. Im aktuellsten Bericht von 2018 sieht man, dass Deutschland nur knapp über dem Durchschnitt liegt. Auch wird durch diese Studie klar, dass Schüler*innen mit einem Migrationshintergrund vergleichsweise schlechter abschneiden, als die anderen. Es herrscht also keine Chancengleichheit in unserem Bildungssystem. Ich dachte öfter daran aufzugeben und die Schule abzubrechen. Aber dann passierten ein paar richtig gute Dinge.

Über die Grenze hinaus

Der erste Glücksfall war, dass ich nach zwei Jahren ein Stipendium bekommen habe, welches mir nicht nur finanziell half, sondern mir auch Zugang zu Nachhilfe und Büchern gewähret, die speziell auf mich zugeschnitten waren. Die anderen Stipendiaten waren mir ähnlich und ich fühlte mich dort direkt verstanden. Viele hatten auch einen Migrationshintergrund, und ich lernte, dass ich mit meinen Problemen nicht allein war. Ich fing an, mich zu vernetzen.Zweitens lernte ich um Hilfe zu bitten. Anfangs fiel mir das schwer. Aufgaben, die ich nicht verstand, erledigte ich häufig einfach nicht. Später verstand ich, dass man allein nicht alles schaffen kann und muss. 

Drittens verstand ich, ass Noten einen nicht definieren, egal wie sehr das Schulsystem diese Idee verbreiten möchte. Die Zeiten in der Schule sind dafür da, damit man seine Identität näher kennenlernt. Man muss sich ausprobieren und herausfinden wo die eigenen Stärken liegen. Unterwegs kann man immer wieder auch mal scheitern. Man sollte aus Fehlern lernen können und nicht von ihnen definiert werden.

Shereen Sayda