Zeichnung: Noah Ibrahim

Arabisch in Gefahr – verlernen die Kinder ihre Sprache?

Wir laden Sie und Euch herzlich ein zum ersten “Amal, Berlin!-Salon für Soziales und Kultur” am Mittwoch, 11. Dezember in der Werkstatt der Kulturen in Berlin. Die Veranstaltung findet auf Arabisch statt.

 

Wie können wir unseren Kindern helfen, die arabische Sprache nicht zu vergessen? In den vergangenen Jahren sind viele Familien neu nach Deutschland gekommen. Sie haben sich sehr bemüht, ihren Kindern die deutsche Sprache nahe zu bringen und sie in die neue Gesellschaft zu intergrieren. Jetzt erleben sie, wie bei ihren Kindern die arabische Sprache verloren geht. Viele können inzwischen gut Deutsch, aber tun sich mit dem Arabischen schwer. Die Familien sind mit der Frage konfrontiert: Was können wir tun?

 

In Berlin gibt es einige Schulen, in denen Arabisch auf dem Stundenplan steht. Die wenigsten davon sind unter der Aufsicht der Schulbehörde. Es ist oft nicht transparent, wer hinter diesem Unterricht steht – mal sind es religiöse Gruppen, mal war es Teil der diplomatischen Mission wie an der von Saudi-Arabien betriebenen Schule in Bonn oder die Examen, die durch die ägyptische Botschaft für deren Staatsangehörige in Deutschland abgenommen werden. Warum hat der Senat von Berlin noch keine richtigen Schritte unternommen, Arabisch-Unterricht einzuführen – als eine von vielen Sprachen, die in den Schulen der Stadt unterrichtet werden?

 

Bei der ersten Veranstaltung des Salon Amal für Soziales und Kultur in Berlin diskutieren wir, wie unsere Kinder die arabische Sprache bewahren können, und welche Rolle die deutsche Regierung und die zuständigen Behörden dabei spielen können. Es diskutieren:

 

Dr. Hudhaifa Al-Mashhadani, stellvertretender Leiter der Ibn Khaldun Schule am Deutsch-Arabischen Zentrum (gegründet 1974).

 

Duá Abu Ta’a, ehrenamliche Mitarbeiterin in der Verwaltung der Arabisch-Schule an der Seituna-Moschee.

Lamis Harasch, Arabisch-Lehrerin in Eberswalde und Ludwigsfelde.

Moderation: Amloud Alamir.
Gastgeber: AbdolRahman Omaren.

 

Wann? Mittwoch, 11 Dezember 2019 von 18.30 bis 21 Uhr
Wo? Werkstatt der Kulturen, Wissmannstraße 32, 12049 Berlin-Neukölln.
Die Veranstaltung findet auf Arabisch statt.

Zeichnung: Noah Ibrahim

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„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, Ludwig Wittgenstein.

An meinem ersten Tag in Deutschland nahm ich das Buch „ Deutsch für Anfänger“ und begann darin zu blättern. „Hallo, wie geht es dir?“, war der erster Satz, den ich gelernt habe. Ich weiß noch wie oft ich ihn wiederholte, bis ich ihn einigermaßen aussprechen konnte. Da wusste ich wie schwierig diese Sprache ist und was für ein harter Weg auf mich warten wird. Ich ging durch die Straßen und hörte wie die Menschen um mich herum Gespräche führten, lachten und laut waren – aber ich hörte nur Lärm und verstand nichts. Ich war hilflos und sehnte mich nach Kommunikation. Ich fühlte mich eingeschränkt und diese Grenze begleitete mich durch meinen Alltag. Mein Welt war klein, so klein, dass nur sehr wenige Menschen darein passten. Ich wusste aber, dass die Schule meine Rettung sein würde und träumte davon eines Tages zur Schule gehen zu dürfen. Das wäre der Tag, an dem ich befreit werden würde, dachte ich damals.

In der Schule

Nach langem Warten war ich endlich in der Schule. Ich wurde in eine IVK-Klasse gesteckt, eine Internationale Klasse. Sie war in einem Gymnasium, das bei uns in der Nähe lag. In dieser Klasse lernten wir Deutsch, Englisch und Mathematik. Ich habe nach einer Weile gemerkt, dass ich in dieser Klasse keine deutsche Schüler*innen kennenlernen konnte, sondern die Sprache nur mit meiner Lehrerin praktizierte. In dem Moment wurde mir klar, dass meine Grenzen noch da sind und mein Welt ebenfalls noch klein ist. Sie ist nur stetig ein wenig erweitert worden. In der Pause aß ich mit meiner koreanische Freundin , und wir unterhielten uns mit den wenigen Vokabeln. Später hörten wir auf zu reden und wurden stumm. Der Saal war aber gefüllt mit Schüler*innen, sie lachten, spielten und schrien. Ich saß in der Mensa, guckte sie an und aß still..

In der Oberstufe

Nach einem Jahr in dieser Klasse hatte ich den ESA (Ersten Schulabschluss) geschafft und ich durfte danach in eine normale Klasse gehen. Ich kam in die zehnte Klasse. Der Tag an dem ich diese Klasse betrat, fühlte sich an, als wäre dies mein erster Tag in Deutschland. Nachdem ich die Sprache gelernt hatte, formte sich der Traum eines Tages Abitur zu machen. Mir wurde klar, dass diese Grenze noch da sind. Ich war die einzige Schülerin in der Klasse, deren Muttersprache nicht deutsch war. Ich hatte das Gefühl, die Lehrer*innen konnten mich nicht verstehen. Sie konnten es nicht spüren, ob ich heute den Text besser verstanden hatte als gestern, oder ob ich besser schrieb. Ich habe mich von Tag zu Tag verbessert, nur diese Verbesserungen steckten in einem toten ³Winkel, denn sie waren klein. Meine Lehrer*innen haben es nicht gesehen, wie viele Stunden ich gelernt habe. Sie konnte es nicht verstehen, dass ich manchmal das dreifache an Zeit in eine Aufgabe investieren musste, im Vergleich zu einem normalen Schüler. Diese Lage frustrierte mich immer wieder aufs neue und es gab auch niemandem mit dem ich darüber reden konnte.

Das Schulsystem

Als ich mehr Schüler*innen mit den gleichen Erfahrungen getroffen habe, sah ich, dass auch sie unter diesem Druck litten, viele bleiben bis heute unsichtbar. Ich fragte mich, ob das vielleicht am Schulsystem lag.

Um diese Frage zu beantworten, sollten wir uns die Pisa Studie angucken. Diese Studie untersucht den Bildungszustand der OECD-Länder. Es werden 15-Jährige Schüler*innen in Bereichen der Naturwissenschaften, Mathematik und der Lesekompetenz getestet. Anhand dieser Ergebnisse, stellen sie einen Bericht vor. Im aktuellsten Bericht von 2018 sieht man, dass Deutschland nur knapp über dem Durchschnitt liegt. Auch wird durch diese Studie klar, dass Schüler*innen mit einem Migrationshintergrund vergleichsweise schlechter abschneiden, als die anderen. Es herrscht also keine Chancengleichheit in unserem Bildungssystem. Ich dachte öfter daran aufzugeben und die Schule abzubrechen. Aber dann passierten ein paar richtig gute Dinge.

Über die Grenze hinaus

Der erste Glücksfall war, dass ich nach zwei Jahren ein Stipendium bekommen habe, welches mir nicht nur finanziell half, sondern mir auch Zugang zu Nachhilfe und Büchern gewähret, die speziell auf mich zugeschnitten waren. Die anderen Stipendiaten waren mir ähnlich und ich fühlte mich dort direkt verstanden. Viele hatten auch einen Migrationshintergrund, und ich lernte, dass ich mit meinen Problemen nicht allein war. Ich fing an, mich zu vernetzen.Zweitens lernte ich um Hilfe zu bitten. Anfangs fiel mir das schwer. Aufgaben, die ich nicht verstand, erledigte ich häufig einfach nicht. Später verstand ich, dass man allein nicht alles schaffen kann und muss. 

Drittens verstand ich, ass Noten einen nicht definieren, egal wie sehr das Schulsystem diese Idee verbreiten möchte. Die Zeiten in der Schule sind dafür da, damit man seine Identität näher kennenlernt. Man muss sich ausprobieren und herausfinden wo die eigenen Stärken liegen. Unterwegs kann man immer wieder auch mal scheitern. Man sollte aus Fehlern lernen können und nicht von ihnen definiert werden.

Shereen Sayda