Photo: Ahmad Kalaji
4. November 2019

Plötzlich klopft eine Geschichte an die Tür

neulich stand plötzlich ein Mann vor der Tür unserer Redaktion. Er war gekommen, weil er unbedingt seine Geschichte erzählen wollte. Mohammed Darwish, 32, aus Deraa in Syrien ist übers Mittelmeer geflohen und gelangte – wie so viele andere – 2015 nach Deutschland. Er hat viel faslch gemacht seit er nach Deutschland gekommen ist. So hat er bei jedem Asylgespräch seine Geschichte ein bisschen anders ausgeschmückt. Warum? Er zuckt die Achseln. Als er nach seinen Papieren gefragt wurde, wusste er es nicht besser: Statt zu sagen, dass er die Papiere auf der Flucht verloren hat, präsentierte er falsche Papiere, die ihm ein Bekannter aus Syrien besorgt hatte. So kam es, dass die Beamten Zweifel bekamen und so kam es, dass er nur Aufenthalt für sechs Monate bekam und in seinem Aufenthaltstitel steht: “Herkunft ungeklärt”.Und nun? Mit diesem Ausweis, kann Mohammed Darwish keinen Deutschkurs besuchen und  – aus seiner Sicht das Schlimmste – er kann keinen Antrag auf Familienzusammenführung stellen. Seit vier Jahren hat er Frau und Kinder nicht gesehen und die Trennung macht ihm sehr zu schaffen. Er steht am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Khalid Alaboud hat Mohammad Darwish zugehört und die Geschichte aufgeschrieben. Es ist der Bericht eines verzweifelten Mannes, der dachte, er könne die deutsche Bürokratie überlisten und sich dabei immer tiefer in Widersprüche und Probleme verstrickt hat. Mohammad Darwish ist sicherlich ein krasser Einzelfall, aber er ist nicht der einzige. Hier geht es zum Artikel auf Arabisch.
Interesse? Wäre das auch eine Geschichte für Ihre Redaktion? Gerne übersetzen wir diesen (und auch alle anderen) Artikel ins Deutsche. Eine Mail an info@amalberlin.de genügt.

 

Wie war es, als Du deine erste Wasserleiche gefunden hast?

Dies ist noch so eine Geschichte, die wir nicht gesucht haben, sondern die von alleine zu uns kam. Unsere Autorin Aora Helmzadeh hat neulich bei einer Veranstaltung einen jungen Mann kennengelernt, der ihr auf die harmlose Frage, was er denn so mache, eine erstaunliche Antwort gab. Natürlich wollte sie sogleich mehr wissen. Verständlich, denn sein Job ist Wasserleichen bergen. Hier geht es zu ihrem Artikel auf Persisch.

Rose von Damaskus, Außenstelle Berlin

Wenn ein neues Cafè aufmacht, dann schreibt man in der Regel eine Restaurantkritik oder einen kurzen Ausgeh-Tipp. Abdolrahman Omaren hat sich für eine andere (journalistische) Form entschieden und hat eine Art Liebeserklärung verfasst. Dabei geht es allerdings auch um ein ganz besonderes Café: Allein für die Herstellung der Möbel in der “Rose von Damaskus” haben Intarsienkünstler und spezialisierte Schreiner in Damaskus vier Monate gearbeitet. Shisha, Geschichtenerzähler, Tee mit Minze. Hier geht es zum Bericht über einen Sehnsuchtsort.

Islamische Vielfalt

Für viele Neuangekommene aus der islamischen Welt ist es eine neue Erfahrung, dass sie in Deutschland auf so viele unterschiedliche Arten des Islams stoßen. Hier leben Muslime aus vielen Ländern nebeneinander, sie haben unterschiedliche Arten zu beten und ihren Glauben im Alltag auszudrücken. Die Frage, welches die beste Art ist, welche Art richtig ist, sollte lieber gar nicht erst gestellt werden. Oder? Tatsächlich hat unser Bericht über den Besuch des Khalifen der Ahmadiyya Gemeinschaft in Berlin für einige Diskussion unter unseren Leserinnen und Lesern gesorgt: Wer ist dieser Mann, der da im Namen des Islams spricht und zu dessen Rede in Berlin zahlreiche einflussreiche Politiker und Politikerinnen erschienen? Asmaa Yousuf war dabei und hier geht es zu ihrem Artikel mit den wichtigsten Fakten zum Besuch.

 

Mini-Stories 3

Das Amal-Tandem aus Khalid Alaboud und Andreas Lorenz besucht den Check-Point Charly. Es ist die dritte Folge unserer Serie zum 30. Jahrestags des Mauerfalls.

 

Selfie einer Flucht

Der Dokumentarfilm, den Dawod Adil in diesem Video vorstellt, ist ein ganz besonderer Film. Es ist der dramatische Bericht einer Familie auf dem Weg von Afghanistan nach Deutschland. Das Besondere: Der Hauptdarsteller ist zugleich der Regisseur und Kameramann.

Weitere Artikel zum Thema

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, Ludwig Wittgenstein.

An meinem ersten Tag in Deutschland nahm ich das Buch „ Deutsch für Anfänger“ und begann darin zu blättern. „Hallo, wie geht es dir?“, war der erster Satz, den ich gelernt habe. Ich weiß noch wie oft ich ihn wiederholte, bis ich ihn einigermaßen aussprechen konnte. Da wusste ich wie schwierig diese Sprache ist und was für ein harter Weg auf mich warten wird. Ich ging durch die Straßen und hörte wie die Menschen um mich herum Gespräche führten, lachten und laut waren – aber ich hörte nur Lärm und verstand nichts. Ich war hilflos und sehnte mich nach Kommunikation. Ich fühlte mich eingeschränkt und diese Grenze begleitete mich durch meinen Alltag. Mein Welt war klein, so klein, dass nur sehr wenige Menschen darein passten. Ich wusste aber, dass die Schule meine Rettung sein würde und träumte davon eines Tages zur Schule gehen zu dürfen. Das wäre der Tag, an dem ich befreit werden würde, dachte ich damals.

In der Schule

Nach langem Warten war ich endlich in der Schule. Ich wurde in eine IVK-Klasse gesteckt, eine Internationale Klasse. Sie war in einem Gymnasium, das bei uns in der Nähe lag. In dieser Klasse lernten wir Deutsch, Englisch und Mathematik. Ich habe nach einer Weile gemerkt, dass ich in dieser Klasse keine deutsche Schüler*innen kennenlernen konnte, sondern die Sprache nur mit meiner Lehrerin praktizierte. In dem Moment wurde mir klar, dass meine Grenzen noch da sind und mein Welt ebenfalls noch klein ist. Sie ist nur stetig ein wenig erweitert worden. In der Pause aß ich mit meiner koreanische Freundin , und wir unterhielten uns mit den wenigen Vokabeln. Später hörten wir auf zu reden und wurden stumm. Der Saal war aber gefüllt mit Schüler*innen, sie lachten, spielten und schrien. Ich saß in der Mensa, guckte sie an und aß still..

In der Oberstufe

Nach einem Jahr in dieser Klasse hatte ich den ESA (Ersten Schulabschluss) geschafft und ich durfte danach in eine normale Klasse gehen. Ich kam in die zehnte Klasse. Der Tag an dem ich diese Klasse betrat, fühlte sich an, als wäre dies mein erster Tag in Deutschland. Nachdem ich die Sprache gelernt hatte, formte sich der Traum eines Tages Abitur zu machen. Mir wurde klar, dass diese Grenze noch da sind. Ich war die einzige Schülerin in der Klasse, deren Muttersprache nicht deutsch war. Ich hatte das Gefühl, die Lehrer*innen konnten mich nicht verstehen. Sie konnten es nicht spüren, ob ich heute den Text besser verstanden hatte als gestern, oder ob ich besser schrieb. Ich habe mich von Tag zu Tag verbessert, nur diese Verbesserungen steckten in einem toten ³Winkel, denn sie waren klein. Meine Lehrer*innen haben es nicht gesehen, wie viele Stunden ich gelernt habe. Sie konnte es nicht verstehen, dass ich manchmal das dreifache an Zeit in eine Aufgabe investieren musste, im Vergleich zu einem normalen Schüler. Diese Lage frustrierte mich immer wieder aufs neue und es gab auch niemandem mit dem ich darüber reden konnte.

Das Schulsystem

Als ich mehr Schüler*innen mit den gleichen Erfahrungen getroffen habe, sah ich, dass auch sie unter diesem Druck litten, viele bleiben bis heute unsichtbar. Ich fragte mich, ob das vielleicht am Schulsystem lag.

Um diese Frage zu beantworten, sollten wir uns die Pisa Studie angucken. Diese Studie untersucht den Bildungszustand der OECD-Länder. Es werden 15-Jährige Schüler*innen in Bereichen der Naturwissenschaften, Mathematik und der Lesekompetenz getestet. Anhand dieser Ergebnisse, stellen sie einen Bericht vor. Im aktuellsten Bericht von 2018 sieht man, dass Deutschland nur knapp über dem Durchschnitt liegt. Auch wird durch diese Studie klar, dass Schüler*innen mit einem Migrationshintergrund vergleichsweise schlechter abschneiden, als die anderen. Es herrscht also keine Chancengleichheit in unserem Bildungssystem. Ich dachte öfter daran aufzugeben und die Schule abzubrechen. Aber dann passierten ein paar richtig gute Dinge.

Über die Grenze hinaus

Der erste Glücksfall war, dass ich nach zwei Jahren ein Stipendium bekommen habe, welches mir nicht nur finanziell half, sondern mir auch Zugang zu Nachhilfe und Büchern gewähret, die speziell auf mich zugeschnitten waren. Die anderen Stipendiaten waren mir ähnlich und ich fühlte mich dort direkt verstanden. Viele hatten auch einen Migrationshintergrund, und ich lernte, dass ich mit meinen Problemen nicht allein war. Ich fing an, mich zu vernetzen.Zweitens lernte ich um Hilfe zu bitten. Anfangs fiel mir das schwer. Aufgaben, die ich nicht verstand, erledigte ich häufig einfach nicht. Später verstand ich, dass man allein nicht alles schaffen kann und muss. 

Drittens verstand ich, ass Noten einen nicht definieren, egal wie sehr das Schulsystem diese Idee verbreiten möchte. Die Zeiten in der Schule sind dafür da, damit man seine Identität näher kennenlernt. Man muss sich ausprobieren und herausfinden wo die eigenen Stärken liegen. Unterwegs kann man immer wieder auch mal scheitern. Man sollte aus Fehlern lernen können und nicht von ihnen definiert werden.

Shereen Sayda