Wenn die Heimat aus dem Exil zurückkehrt

Hiba Al Shallah – Damaskus

Jahrelang tauschten wir Syrerinnen und Syrer Grüße über Handybildschirme aus und beobachteten einander hinter künstlichen Grenzen und bunten Pässen. Heute, mit der Geburt eines neuen Syriens, frei von den Fesseln der Vergangenheit, ist die Rückkehr nicht länger nur eine unrealistische Sehnsucht, sondern hat sich zu einer umfassenden nationalen Bewegung entwickelt. Die Rückkehrer:innen bringen Mitbringsel mit. Doch das, was sie im Gepäck haben, sind nicht mehr nur modische Kleidung und deutsche Schokolade. Interessanter für uns ist die im Exil gereifte „Essenz der Erfahrung“. Diese kann einem Land im Aufbruch, so wie wir es sind, sehr nützlich sein.

Die Realität des Exils: Hinter dem Glamour der sozialen Medien

Langsam kommen wir auch dahinter, was unsere Landsleute im Exil erlebt haben. Bislang ließen wir uns blenden von den Bildern des strahlenden Erfolgs und von luxuriösen Häusern, die die sozialen Medien überschwemmen. Wir schauen dahinter und sehen, dass die syrischen Exilant:innen eine ganz andere Realität erlebt haben. Psychologische Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und europäischer Forschungseinrichtungen wie dem Robert Koch-Institut zeigen, dass etwa 40 % der Syrer im Exil unter Angststörungen und klinischer Depression leiden. Diese erschreckende Zahl verdeutlicht das Ausmaß der „Integrationsisolation“ und den psychischen Druck, der durch den Verlust der sozialen Sicherheit und den Neuanfang in kulturell und sprachlich fremden Umgebungen entsteht. Einsamkeit war der versteckte Preis für materiellen Erfolg. Vermögensaufbau und die Erlangung wissenschaftlicher Expertise sind schön, aber was bedeuten sie, wenn Stabilität und das Gefühl von Zugehörigkeit fehlen?

Alaa: Damaskus jedes Mal aufs Neue entdecken

Im „Al-Rawda Café“ in Damaskus traf ich neulich Alaa, einen Mann in den Dreißigern, der ursprünglich aus Damaskus stammt, aber seit Jahren in Deutschland lebt. Zum vierten Mal ist er in diesem guten Jahr seit dem Sturz von Bashar al-Assad nach Syrien gekommen. Zufrieden nippt er an seinem Kaffee: „Jedes Mal, wenn ich Syrien besuche, fühle ich mich, als wäre ich nie weggewesen. Zugleich ist die Stadt neu und ganz verändert … Damaskus hat seine Seele zurückgewonnen.“ Alaa beschreibt seine unbeschreibliche Freude, durch die Straßen der Stadt zu schlendern. Er kennt die Konturen seit seiner Kindheit, sieht sie aber nun mit den Augen der Freiheit.

Was Alaa am meisten begeistert, sind nicht die luxuriösen Restaurants, sondern die einfachen, alltäglichen Dinge. „Ein Besuch auf dem Gemüsemarkt“ ist sein liebstes Ritual. Dort sucht er sorgfältig Gurken und Tomaten aus, trägt seine Taschen nach Hause, um sie seiner Mutter zu bringen, und bittet sie, ihm „sein Lieblingsgericht“ zu kochen. Alaa sagt: „Dieses Gefühl – Lebensmittel für die Familie zu kaufen, unter Menschen zu gehen und die Nachbarn zu grüßen – das ist die Heimat, die uns genommen wurde. Das ist das normale Leben, das zu uns zurückgekehrt ist.“

Das wahre Syrien: Koexistenz als Antwort auf Hassrede

Außerhalb der Grenzen Syriens, insbesondere in einigen Medien und sozialen Netzwerken, wird die syrische Gesellschaft oft als in verfeindete Fraktionen oder Konfliktgruppen gespalten dargestellt. Doch die Realität vor Ort ist eine andere. Auf den Märkten von Damaskus und in den Vierteln von Homs, in Aleppo und an der Küste leben Syrer friedlich im Alltag miteinander. Unser friedliches Zusammenleben, ist tief in unserer Geschichte verwurzelt und nicht bloß eine politische Parole. Wir leben so, fast immer. Auch heute noch sind Syrer aller Religionen und Konfessionen vereint: Wir teilen die Schmerzen der Vergangenheit und den Traum von einer besseren Zukunft. In unseren Vierteln stehen von Alters her Moscheen neben Kirchen, und Freundschaften, die über religiöse Grenzen hinweg bestehen, sind die Norm, nicht die Ausnahme. Dieses friedliche Zusammenleben ist kein Zufall; es ist der wahre „Gesellschaftsvertrag“, den viele zu zerstören versucht haben – und gescheitert sind.

Die Produktionsrevolution: Vom Konsum zum Aufbau

Die wahre Stärke der Rückkehrer liegt heute nicht in der Höhe der überwiesenen Gelder, sondern im „intellektuellen Kapital“, das nun in die Wirtschaft fließt. Rückkehrer denken nicht mehr an kurzlebige Konsumprojekte, sondern konzentrieren sich auf den Aufbau nachhaltiger, produktiver Grundlagen. Heute konzentrieren sich zurückkehrende Experten und Investoren auf Schlüsselsektoren wie Technologie, moderne Landwirtschaft und alternative Energien, wo globale Management- und Transparenzsysteme in das lokale Arbeitsumfeld übertragen und implementiert werden.

Ziel ist heute nicht der schnelle Profit, sondern die Transformation Syriens in eine riesige Werkstatt. Sie soll sich an den Qualifikationen der Bevölkerung orientieren, gute Arbeitsplätze schaffen und den Menschen eine echte Perspektive in Syrien bieten. Eine erneute Abwanderungswelle wollen wir so verhindern. Wir wollen ein Land, das seine eigene Produktion aufbaut und so eine solide wirtschaftliche Souveränität erlangt, unabhängig von Hilfe und Abhängigkeit vom Ausland.

Die syrische Wiedergeburt: Das Ende der Ära der „geliehenen Zimmer“

Die Rückkehr der Syrer:innen war nicht nur eine Frage der Flugzeuglandung. Hier wächst zusammen, was zusammengehört. Die Rückkehrer:innen verlassen die psychologischen „Zellen der Entfremdung“ und lassen die Zeit, in der man in „geliehenen Zimmern“ schlief und ständig auf Neuigkeiten aus Syrien wartete, hinter sich. Die Rückkehrer:innen wachen in seinem eigenen Zuhause auf und die Gedanken konzentrieren sich auf die Zukunft, kreisen um die Zukunft seiner Kinder. Syrien ist ein großzügiges Land: Unser Tisch ist so groß, dass er all jenen Platz bietet, die aus Deutschland, den Niederlanden und dem Golf zurückkehren. Sie kommen nicht als Gäste, sondern als Söhne und Töchter, die dazugehören. Was sie im Ausland geleistet haben, ist nicht weniger wert als das, was die Daheimgebliebenen durchlitten haben. Wir alle haben im Schweiße unseres Angesichts Geschichte geschrieben.

 

Diesen Artikel gibt es auch auf Arabisch: Hier

Alle Infos zum Amal-Projekt in Damaskus gibt es Hier.

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