Exile Media Forum im digitalen Raum

In einer anderen Welt wären wir Anfang der Woche in Hamburg gewesen, in den schönen Räumen der Körber-Stiftung, beim Exile Media Forum. Wir hätten die mexikanischen Investigativ-Journalistin Anabel Hernández getroffen, die ihr Leben riskiert, um die dunklen Geschäfte zwischen Drogenkartellen und Behörden aufzudecken; und Agnieszka Romaszewka-Guzy, Direktorin von Belsat.TV, die aus dem Exil heraus die Umwälzungen in ihrem Heimatland begleitet; Nazeeha Saeed aus Bahrain, die seit mehr als 20 Jahren zum Thema Menschenrechte arbeitet – und viele andere spannende Kolleginnen und Kollegen. Wir hätten Vorträgen gelauscht und Blicke getauscht und in den Pausen Gespräche geführt und Bande geschmiedet, die idealerweise weit über den Tag hinaus Bestand haben: Als ein Netzwerk von Menschen, die das Thema Exil zum zentralen Bestandteil ihres Lebens gemacht haben, sei es als Betroffene oder aus Betroffenheit heraus.

Doch es kam anders. Das Exile Media Forum, das jetzt zum dritten Mal in Folge auf Einladung der Körber-Stiftung stattfand, musste corona-bedingt digital durchgeführt werden. Und so saßen die vielen spannenden Menschen über die Welt verstreut dezentral vor Kameras und Computern, hörten zu und tippten ihre Fragen in eine Chatfunktion.
Begrüßt wurden sie von Michelle Müntefering, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, die unter anderem unseren Kollegen AbdolRahman Omaren zitierte, der in einem Kommentar für den Tagesspiegel geschrieben hatte: “Wichtig ist, der Epidemie entgegenzutreten und die Verbreitungskette zu durchtrennen. Das ist die Wahrheit, die jeder hinnehmen sollte, unabhängig von seiner Herkunft, Rasse, Religion, Farbe oder allem, was sie anders macht.” Der Verzicht auf die persönlichen Begegnungen beim Exile Media Forum hat sicher dazu beigetragen, die Infektionsketten zu durchbrechen.

Corona hilft Diktatoren

Immer wieder ging es beim Exile Media Forum auch um die Frage, welche Rolle Corona für die Arbeit von Journalisten im Exil spielt. „Corona bietet Diktatoren eine gute Ausrede“, sagte Agnieszka Romaszewka-Guzy, die Journalistin aus Belarus. Schon vorher war es schwer, sich als Journalist frei zu bewegen, wenn die Arbeit darauf zielte, Missstände aufzudecken. Jetzt ist es ganz und gar unmöglich, Grenzen sind geschlossen, die Informationen fließen noch spärlicher. Und doch machen sie und andere weiter ihre Arbeit. Und weil sie schon lange viel intensiver digital vernetzt sind, vielleicht besser dafür ausgerüstet als so mancher Kollege ohne Fluchterfahrung.

Kaum Jobs für Journalist*innen im Exil

Die Tagung machte einmal mehr deutlich, dass es für Medienschaffende im Exil besonders schwer ist. Wer soll ihre Arbeit bezahlen? Die Türen der Redaktionen in Deutschland sind fest geschlossen, berichteten etliche der Redner*innen. „Sie ignorieren uns einfach“, sagte einer. „Auch jene Redaktionen, für die wir in der Vergangenheit berichtet haben.“ Hinzugefügt sei, dass für diese Berichte so mancher sein Leben riskiert hat – aber jetzt nützt ihm das wenig. „Ich habe unzählige Bewerbungen geschrieben“, sagte ein Kameramann, „aber nur Absagen bekommen.“ Eine Redakteurin, die in verantwortlicher Position in einem großen deutschen Magazin arbeitet, machte wenig Hoffnung, dass sich daran etwas ändert. Ja, sie seien sehr heterogen in der Redaktion. Zwar würden sie sich immer mal wieder vornehmen, diverser zu werden und Menschen außerhalb ihrer eigenen gesellschaftlichen Gruppe mit ins Team zu holen. Aber nein, es gäbe kaum Jobs für Freie bei ihnen. Und Stellen für Menschen, die hier im Exil leben, hat sie auch nicht angeboten.

Neue Medien im digitalen Raum

Was bleibt? Der Blick fiel auf spannende Projekte wie Guiti News in Paris, wo geflüchtete und bio-französische Journalisten im Tandem arbeiten. Und auf den Podcast „Integrate That!“, in dem Abdulwahab Tahhan humorvoll aus seinem neuen Leben in Großbritannien erzählt. Und mit dabei waren auch AbdolRahman Omaren und Ahmad Kalaji von Amal, die ihre erfolgreiche Mini-Serie „Schu Al-Sira“ vorstellten. Sie haben das Format als ihre Antwort auf die allgemeine trübe Stimmung im ersten Corona-Lockdown entwickelt. Mehr dazu erklärt Ahmed Kalaji in seiner Präsentation beim Forum.

Unsere Themen diese Woche

So, nach diesem ausführlichen Blick über den Tellerrand kommen wir zum Tagesgeschäft von Amal. Diese Woche können wir Ihnen die folgenden Themen anbieten:

Ein Interview mit Samira Moubayed, die an den Beratungen zu einer neuen Verfassung für Syrien teilnimmt, die derzeit in Genf stattfinden.

Einen Artikel über die Podcasts zu Corona, die der Berliner Senat jetzt in 13 Sprachen produziert hat – darunter auch in Arabisch.

Einen Kommentar von Khalid Alaboud zum 75. Jahrestag der Nürnberger Prozesse – er sieht sie als Wegbereiter für Prozesse wie den gegen den syrischen Geheimdienstler Anwar R., der derzeit in Koblenz vor Gericht steht. Die Bundesanwaltschaft hat R. wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt.

Einen Kommentar von Noorullah Rahmani über den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan, was den Eindruck erweckt, jetzt sei Frieden eingekehrt. Doch Flüchtlingshilfsorganisationen halten Abschiebungen weiterhin für lebensbedrohlich.

Um die Corona-Regeln geht es in einer Straßenumfrage von Dawod Adil. Wie erleben Afghanen und Iraner den „Lockdown light“? Auf Wunsch erstellen wir zu diesem Beitrag noch Untertitel.

Besonders hart betroffen von Corona war die Zentrale Erstaufnahme für Geflüchtete in Hamburg Rahlstedt. Rund vier Wochen lebten die Bewohner dort in Quarantäne. Jalal Huaasini hat mit einigen gesprochen, seine Reportage aus der Hamburger Flüchtlingsunterkunft erzählt deren Geschichte.

Und last, but in diesen schwierigen Zeiten not least bringen wir tagesaktuell alle wichtigen Nachrichten und Hintergründe zu Corona – von den Diskussionen zwischen Bund und Ländern über die geeigneten Maßnahmen bis hin zu den Auswirkungen auf die Ökonomie.

8Band im Amal Salon

Im AmalSalon ist diese Woche die Gruppe 8Band zu Gast. Die iranischen Musiker, die in Hamburg leben, spielen Lieder voller Erinnerungen für das Farsi-Publikum. Sie kombinieren die Musik ihrer Heimat mit den Rhythmen des Südens. Präsentiert werden sie von Jalal Husseini. Also: Kommen Sie vorbei, am Freitag um 19 Uhr live auf Amal Hamburg Farsi/Dari.

Fotos: Mutaz Enjila & Ahmad Kalaji

 

 

 

 

Im AmalSalon ist diese Woche die Gruppe 8Band zu Gast. Die iranischen Musiker, die in Hamburg leben, spielen Lieder voller Erinnerungen für das Farsi-Publikum. Sie kombinieren die Musik ihrer Heimat mit den Rhythmen des Südens. Präsentiert werden sie von Jalal Husseini. Also: Kommen Sie vorbei, am Freitag um 19 Uhr live auf Amal Hamburg Farsi/Dari.
 

Fotos: Mutaz Enjila & Ahmad Kalaji