Beiträge

„Wir sind Kinder des Krieges, wir haben keine Angst vor Nazis“

Freitag 7. Dezember 2018

„Ich bin ein Kind des Krieges, ich habe keine Angst vor ein paar Nazis“, wiederholt Masoud Haschemi immer wieder. Maschoud ist Besitzer des einzigen persischen Restaurants in Sachsen. Im Oktober wurde es – mutmaßlich von Rechtsradikalen – angegriffen. Masoud, 52 Jahre alt, nahm mit 13 freiwillig am ersten Golfkrieg teil, dem Krieg zwischen Iran und Irak. Durch den Einsatz chemischer Waffen wurde er verletzt.

Omid Rezaee hat während seines Maschinenbau-Studium angefangen, als Journalist zu arbeiten. 2011 wurde er verhaftet und hat 2012 den Iran verlassen. Er hat an der Hamburg Media School eine Weiterbildung für Flüchtlinge gemacht und studiert jetzt dort im Masterstudiengang Digital Journalism. Er betreibt die Plattform  Perspektive Iran mit Beiträgen auf Deutsch zur Lage im Iran. Er arbeitet regelmäßig für deutschsprachige Zeitungen wie zum Beispiel die taz.

Nach Angaben der Polizei betraten drei Männer wortlos und in dunkler Motorradkleidung das Lokal am späten Sonntagabend und bewarfen den 52-Jährigen mit Inventar. Masoud sagt, es passiere häufig, dass Menschen nur für einen Tee hierher kämen. Er dachte, auch die Männer würden nur schnell einen Tee trinken, weshalb sie ihre Helme nicht abgenommen hatten. Er habe Glück gehabt, dass ihn der heiße Samowar nicht getroffen habe, sagt Masoud. Laut einer Polizeisprecherin sei das Restaurant schon öfter mit rechtsradikalen Parolen beschmiert und beschädigt worden. Trotzdem, sagt Masoud, wolle er dableiben: “Aufgeben ist nicht mein Ding.” Und er ist nicht der einzige Ausländer, der allen Geschehnissen zum Trotz weiter sein Geschäft führt. Der Überfall auf Masouds Lokal ereignete sich nur zwei Tage nachdem ich in Chemnitz war. Das war erst mein zweiter Besuch in Ostdeutschland, vorher war ich einmal in Leipzig gewesen. Die Stadt kommt mir anfangs gar nicht fremd vor. Selbst für mich nicht als jemand, der erst seit vier Jahren in diesem Land lebt. Chemnitz ist eine normale deutsche Stadt, viele Lokale, Kinder spielen in den Parks. Es ist ruhig und – zumindest in der Altstadt – schön. Mitten in der Stadt liegen viele Blumensträuße auf einem Bürgersteig, die an den ermordeten Daniel H. erinnern sollen. Doch der Tatort – beziehungsweise das Denkmal – ist zu einem politischen Statement geworden. Daniels Tod ist als Scheitern der Politik bezeichnet worden. Es gab sogar Forderungen nach dem Rücktritt von Kanzlerin Angela Merkel. Nicht nur ich, sondern auch die antirassistischen Aktivisten in der Stadt, sind erstaunt, dass es immer noch so viele Sträuße gibt, die auf den starken Willen hinweisen, dass die Tat nicht vergessen wird.

Stadt der Hoffnungslosigkeit

In Chemnitz leben inzwischen mehr als 20 000 Ausländer. Ihre Zahl ist im vergangenen Jahr um ein Prozent gestiegen und sie zeigen öfter ihre Gesichter als zuvor. Die meisten arabischen Restaurants und Imbisse in der Stadt gibt es erst seit ein oder zwei Jahren. Einer dieser neuen Läden gehört Imad, der seit drei Jahren in Chemnitz wohnt, und gegenüber des Marx-Denkmals in seinem Lokal arabische Süßigkeiten verkauft. Obwohl er kein Wort Deutsch spricht, nennt er jeden deutschen Kunden “mein Freund”. Imad öffnete sein Geschäft am Tag nach dem Mordanschlag nicht. Er wollte gegen jeden eventuellen Vorfall gerüstet sein.

Nachmittags kommt oft sein Sohn vorbei und hilft seinem Vater ein bisschen. Er ist Mitte zwanzig, und pendelte monatelang jeden Tag nach Leipzig, um dort einen Deutschkurs zu besuchen. Inzwischen hat er es bis zum B2-Niveau geschafft. Seine Zukunft sieht er aber genauso hoffnungslos wie viele andere in der Stadt. Er findet keinen Job, wenn er überhaupt einen sucht, und hat keinen Plan für die Zukunft: “Mal schauen, was passiert”, sagt er. Sein Leben beschränkt sich darauf, zu Hause zu bleiben, und abends beim Vater vorbeizuschauen.

Zu Imads Kunden gehört auch ein Flüchtling aus Libyen, der wegen seiner Behinderung im Rollstuhl sitzt. Er zeigt mir einige Videos auf seinem Handy, in denen zu sehen ist, wie fremde Leute ihm den Weg versperren und ihn beschimpfen: “Ausländer! Was machst du hier?” Auf die Frage, wo er Deutsch gelernt hat, antwortet er: “Von den anderen in der Flüchtlingsunterkunft. Zur Schule kann ich nicht gehen, weil es hier keine barrierefreie Schule gibt.” Aus Chemnitz weggehen darf er auch nicht, solange er keine Arbeit oder keinen Studienplatz findet. Wiederum kann er nicht studieren oder arbeiten, solange er nicht richtig Deutsch kann. Sich weiterzuentwickeln, bleibt ihm damit verwehrt.

Rechter Aufmarsch unter Marx-Kopf

Gegen 18 Uhr versammeln sich langsam die Anhänger*innen der Rechten unter dem Marx-Kopf und unter dem großen Plakat, auf dem steht “#WirSindMehr”, das vom Protestkonzert vor ein paar Wochen geblieben ist. Die sogenannte Bürgerbewegung “Pro Chemnitz” ruft seit einigen Wochen zur Demo auf und hat bis Juli 2019 jeden Freitag dafür angemeldet. Vor ein paar Tagen wurden acht Rechtextremisten, die angeblich Mordanschläge planten, festgenommen. In den Medien hieß es, dass diese eventuell mit der Bewegung “Pro Chemnitz” verbunden seien.

Martin Kohlmann, Mitgründer von “Pro Chemnitz”, weist den Vorwurf zurück. Er sagt, sie seien keine Terroristen: “Welche Terrorgruppe hat eine offene Facebook-Seite?” Das alles seien Leute, die in Handynachrichten nur ein bisschen Frust abgelassen hätten. Darüber hinaus fragte er, was an einer Revolution falsch sei. Man feiere ja auch das hunderte Jubiläum der Oktoberrevolution, warum denn keine Revolution in Chemnitz? Kohlmann spricht mit einer beängstigend überzeugenden Rhetorik von der Legitimität, dass Establishment durch Gewalt zu stürzen. Ansonsten, sagt er, hätte man die anderen Revolutionen auch nicht feiern dürfen. Sie hätten kein Problem mit Geflüchteten, sagt er, sondern nur mit denen, die als Flüchtlinge kämen und “unser Land” kaputt machen würden. Für fast jeden Satz spenden die Teilnehmenden Kohlmann starken Applaus. “Merkel muss weg”, brüllen sie hinterher.

“Das ist ja letztendlich ihr Land”

Während die Rechten, die merkwürdig aussehen, zusammenkommen, stehen einige Araber (also tatsächlich keine einzige Frau) auf der anderen Straßenseite, rauchen oder essen. “Das ist ja letztendlich ihr Land”, ist der Satz, der immer wieder kommt, wenn man die Neuankömmlinge fragt, ob sie sich gegen die Rechten engagieren wollen. Haben sie Angst vor der Entwicklung der letzten Zeit? Sie versuchen, diese Frage zu überspielen, ihren Gesichtern aber merkt man eine gewisse Angst gut an.

Die hatten wir, ich und eine Kollegin, auch, als wir die Fahrkarten nach Chemnitz buchten. Und die Angst hatten wir nicht unbedingt zu Unrecht. Die Demonstranten, die wir an dem Tag erleben, sind viel aggressiver als die, die ich auf Pegida-Demos in Berlin gesehen habe. Die Chemnitzer, unter denen eben auch viele Ausländer sind, einen ganzen Tag mit diesen Extremisten allein zu lassen, kann ich mir nicht vorstellen. Oder doch? Es kommt mir genauso vor wie die Tage, als auf den Straßen Teherans die paramilitärische Miliz Basij die Protestierenden vertrieben hat. Oder, wie meine ägyptische Kollegin sagt: Wer Mubarak und Alsisi erlebt hat, lässt sich nicht von diesen Leuten erschrecken. Das gilt für Syrer*innen noch stärker. Masoud hat recht: Wir sind Kinder des Krieges. Wir haben keine Angst vor ein paar Nazis.

Dieser Text ist zunächst auf Farsi bei Amal, Berlin! erschienen und dann auf Deutsch im Supernovamag.