Beobachtungen

Flüchtling: Ein Wort zwischen Beschreibung und Klassifikation

Donnerstag 3. Mai 2018

Wer zu der Flüchtlingsgemeinschaft Kontakt hat, und zwar hauptsächlich zu den syrischen Flüchtlingen, bemerkt schnell, dass beim Gebrauch des Wortes Flüchtling vor allem unter den Intellektuellen Empfindlichkeit herrscht. Statt Flüchtling bevorzugen sie den Gebrauch anderer Wörter, Wörter wie Neuankömmling. Das wirft natürlich Fragen auf.

Samer Masouh (32) hat nach seinem Jurastudium an der Universität Damaskus als Reporter für Reuters und als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Friedrich-Ebert-Stiftung gearbeitet. Seit knapp zwei Jahren lebt er in Berlin. Für Amal, Berlin! schreibt er vor allem über deutschen Fussball und arabische Musik.

Kennt derjenige, der das Wort ablehnt, dessen Definition? Flüchtlinge sind Personen, die aus ihrem Land in ein anderes Land fliehen, weil sie Angst um ihr Leben, Angst vor Inhaftierung oder Folter haben. Daher sind diese Personen Opfer und das zwingt das aufnehmende Gastland dazu Hilfe und Unterstützung zu leisten. Aber was genau zwingt das Aufnahmeland dazu, allen Neuankömmlingen Hilfe mit Geldern ihres Volkes anzubieten? Und nutzt der Flüchtling das Wort nur in den offiziellen Kreisen, wie dem Jobcenter, um von den Vorteilen zu profitieren, lehnt dessen Verwendung in den sozialen Kreisen aus Prestigegründen aber ab?

Wer sind dann die Flüchtlinge?

Wenn nicht wir Syrer Flüchtlinge sind, sondern Neuankömmlinge, wer sind dann die Flüchtlinge? Liegt der Sinn ihrer Verleugnung nur darin zwei Flüchtlingsgemeinschaften schaffen zu wollen? Und zwar eine für die intellektuellen Syrer, die als Neuankömmlinge bezeichnet werden sollten und eine für Flüchtlinge anderer Nationalitäten, wie Afghanen, Somaliern und Anderen. Das würde dann aber bedeuten, dass während wir den Rassimus einiger Deutschen und Libanesen uns gegenüber ablehnen, wir gleichzeitg selbst Rassismus ausüben ohne uns dem bewusst zu sein.

Das Wort Flüchtling ist eine klare rechtliche Beschreibung, genauso wie das Wort Bürger oder Bewohner. Aber was ist die rechtliche Beschreibung für das Wort Neuankömmling? Ein Tourist ist ein Neuankömmling. Ein Student, der sich dazu entscheidet in einem anderen Land zu studieren, auch. Ein Besatzer, der gewaltsam in ein anderes Land eindringt, mit der Absicht es zu besetzen und das Volk zu bestehlen, ist ebenfalls ein Neuankömmling. Daher: Für das Wort Neuankömmling gibt es keine eindeutige rechtliche Beschreibung.

Wie lange ist man neu?

Und zum Schluß, lieber Neuankömmling, wie lange wirst du neu sein? Das Wort neu bezieht sich auf die Zeit: Daher ist das, was heute noch neu ist, morgen schon wieder alt. Wirst du in naher Zukunft also als Altankömmling bezeichnet? Und was ist mit denen, die nach dir ankommen? Wie werden die bezeichnet, wenn du doch der Neuankömmling bist? Sind das dann die neueren Neuankömmlinge?

Obwohl ich glaube, dass der Begriff Flüchtling eine rechtliche Beschreibung ist, die den Wert eines Menschen nicht beeinträchtigt, lehne ich die Verwendung des Wortes als Klasseneinstufung ab, vor allem, wenn es um die Beurteilung einer Arbeit geht. So möchte ich als Journalist über die Qualität meiner Artikel und meiner journalistischen  Arbeit beurteilt werden und das unabhängig davon, ob ich ein Flüchtling, ein Staatsbürger oder sonst etwas bin. Das gilt auch für die Künstler: Werke der Maler sollten über ihre Bilder beurteilt werden, Schauspieler und Regisseure über ihre Theaterstücke, ihre künstliche Arbeit. Ihre rechtliche Beschreibung sollte dabei nicht beachtet werden – auch dann nicht, wenn es zu ihrem Gunsten wäre. Schliesslich möchte jeder von uns als Gleichgesinnter gesehen und behandelt werden und nicht als Opfer. Daher bin ich für den Begriff Flüchtling als rechtliche Beschreibung, jedoch nicht als menschliche Klassifizierung.

In diesem Sinne schlage ich als Titel dieses Artikels vor: Ansichten eines Flüchtlings.

Dieser Artikel ist am 28.04. 2018 im Neuen Deutschland erschienen. Übersetzt wurde der Artikel in Kooperation mit Media Residents von Karin Minawi.