Mai 23, 2019

Die neuen Europäer: Ihre Ängste und Hoffnungen

„Ja, natürlich werde ich mich an den Europawahlen beteiligen. Tue ich das nicht, gebe ich meine Stimme womöglich Wähler oder Wählerinnen, die rechts orientiert sind und andere auf deutschem Boden ablehnen“, sagt Dr. Ahmed Al Rawi. Er lebt seit 2002 in Deutschland. Vielleicht hat der Aufstieg der rechten und nationalistischen Parteien in Europa, die Ausländern, Migranten und anderen Minderheiten auf dem alten Kontinent feindlich gegenüber stehen, Al Rawi zu seiner Antwort veranlasst. Auch Noorullah Rahmani ist dieser Meinung. Der Afghane lebt seit 2012 in Deutschland, ist erst seit wenigen Monaten deutscher Staatsbürger.

Ein praktisches Beispiel für meine Kinder

Doch nicht nur deswegen beteiligen sich die neuen Europäer an den Europawahlen. Al Rawi, der Orientalische Archäologie an der Universität Tübingen studiert hat und heute Kulturvermittler beim Berliner Kulturverein Lora ist, sieht seine Beteiligung an den Wahlen als eine Lektion für seine Kinder. Auch möchte er im Hinblick auf die Ausübung des Wahlrechts seinen Kindern ein praktisches Beispiel geben.

Der Journalist Noorullah Rahmani, der in Brandenburg lebt, sagt, seine Teilnahme sei eine Reaktion auf seine Wahlerfahrung in seinem Heimatland Afghanistan. „Dort war ich nur zweimal wählen, einmal ging es um den Präsidenten und einmal um das Parlament. Beide Male wurde ich wegen dem, was ich gewählt hatte, enttäuscht“, sagt er.

Die EU ist ein kleiner Traum, den die neuen Europäer leben

Aber sind Rahmani und Al Rawi nach Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft automatisch auch europäische Staatsbürger? Fühlen sie sich wie solche? “Diese Frage ist schwer zu beantworten”, sagt Al Rawi. „Ich weiß nicht, ob meine deutsche Staatsbürgerschaft mich als Europäer qualifiziert, und ob ich mich dadurch als Europäer fühle“, so der Archäologe. Er betont, dass seine Herkunft, seine Gefühle, seine Aspirationen syrisch und arabisch seien, dies aber nicht bedeutet, dass es ihm egal sei, was für die Europäische Union wichtig ist. „Großbritanniens Austritt aus der EU schmerzt mich und ich würde mich freuen, wenn die Türkei, die meinem Land sehr nahe ist, in die EU eintreten würde“, sagt Al Rawi. Er sieht die EU als einen kleinen Traum. Einen Traum in dem er lebt, dem er angehört. „Ich wünsche mir, das Europa stark ist und Potenzial hat, um positive Auswirkungen auf diese Welt zu haben, vor allem auf die arabische Welt“, sagt er. Er glaubt, dass seine Entscheidungen und seine Mitwirkung an der Europawahl Auswirkungen auf die Zukunft seiner Kinder haben werden, und zwar durch die Entscheidungen, die dann im Europäischen Parlament getroffen werden.

Ich werde kein Deutscher sein, auch dann nicht, wenn ich Helmut Kohl heißen würde

Der Aufstieg rechter Parteien und nationalistischer Strömungen in Europa ist einer der Gründe, warum Rahmani und Al Rawi an den Europawahlen teilnehmen. Diesen Aufstieg verfolgt auch Abu Maan, doch er hat auch andere Sorgen:  Der seit über zehn Jahren in Deutschland lebende Syrer hat das Gefühl, weder Europäer noch Deutscher zu sein. „Die Gesellschaft wird mich nie als Deutschen sehen, auch nicht, wenn ich Helmut Kohl heißen würde“, sagt er. Trotzdem interessiert er sich für Deutschland und Europa. „Ich freue mich über alles Gute, das in Deutschland und Europa passiert und bin traurig, wenn etwas Schlechtes passiert – ich bin doch Deutscher“, sagt er. Schließlich sei Deutschland auch der Geburtsort seiner Kinder und ihre neue Heimat.

Wahlen sind wichtig und schicksalhaft

Die europäischen Wahlen sind sehr wichtig, da durch sie die europäischen Bürger die Politik der europäischen Gemeinschaft beeinflussen können. Sie finden alle fünf Jahre statt. Dann wird ein neues europäisches Parlament gewählt, das die einzige gewählte Institution in der Europäischen Union ist. Diese hat ihren Sitz im französischen Straßburg und dem belgischen Brüssel. Die Zahl der Sitze im europäischen Parlament ist bevölkerungsabhängig. Deutschland als bevölkerungsreichstes Land ist mit 96 der 751 Sitze vertreten. In Deutschland finden diese Wahlen am 26.Mai statt. Wahlberechtigt sind 64.8 Millionen Bürger, daher sind diese Wahlen zurzeit auch sehr wichtig und schicksalhaft, insbesondere angesichts des Aufstiegs der rechts – und nationalgerichteten Strömungen in der Europäischen Union. Das ist auch der Grund für die Angst, die Besorgnis, die viele Araber und Afghanen haben, die die deutsche Staatsbürgerschaft neu erhalten haben, sind sie doch die Zielgruppe dieser aufkommenden Trends.

 

Der Artikel ist im Original auf Arabisch und zuerst auf dem Onlineportal von Amal, Berlin! erschienen und dann auf Deutsch bei nd-onlin.de. Übersetzt wurde er in Kooperation mit dem von der Initiative Gesicht Zeigen! getragenen Projekt Media Residents von Karin al Minawi.

 

Foto EPD