Mai 8, 2019

Meine Ankunft in Hamburg

Jetzt bin ich wieder in Hamburg. Erinnerungen werden wach. Vor fünf Jahren war ich schon einmal hier. Es fällt mir wirklich schwer zu beschreiben, welche Gefühle ich habe, während ich jetzt hier durch die Straßen spazieren gehe. Hamburg ist die erste deutsche Stadt, in der ich mit meinen Kindern damals landete. Ich versuche noch heute die Schmerzen der vorgefertigten Anschuldigungen zu vergessen, die mir eine Flugbegleiterin damals mit ihren Ausdrücken in ihren Augen entgegenwarf. Jeder von uns Neuangekommenen hat seine Geschichte. Manchmal ist es einfacher, sie erst zu erzählen, wenn viel Zeit vergangen ist. Ich aber möchte von dieser Erinnerung befreit werden und teile sie deswegen.

Fünf Jahre ist es her, da musste ich gemäß den Bestimmungen des Dublin-Abkommens Schweden verlassen. Nachdem ich fünf Monate auf eine Rückmeldung meines Antrags wartete, wurde dieser abgelehnt. Und das, obwohl die meisten meiner Familienangehörige seit vielen Jahren in Schweden lebten. Doch zu der Zeit erlaubte das Gesetz es nicht, dass Personen mit einem gültigen Visum für ein bestimmtes europäisches Land, ein Asylantrag in einem anderen europäischen Land stellten.  Wir mussten ausreisen. Ein Angestellter der schwedischen Ausländerbehörde begleitete mich mit unseren zuvor beim Amt eingereichten Pässen zum Flughafen. Statt sie mir auszuhändigen, überreichte er sie dem Piloten, sagte, dass in Hamburg mit meiner Situation umgegangen werden würde. Weitere Einzelheiten gab er nicht. Meine Koffer, in denen Erinnerungen aus allen Städten steckten, die ich zuvor besucht hatte – auch Städte in Deutschland – wurden bei meiner Ausreise vom Stockholmer Flughafen nicht durchsucht.

Die Ankunft war hart. Ich bin nicht sicher, ob Ankunft der richtige Begriff ist. Vielleicht sollte man lieber Festnahme sagen. Im Flugzeug hatte eine Flugbegleiterin, die größer aussah, als drei Personen zusammen, die Aufgabe, uns im Flugzeug zu beaufsichtigen. Wohl damit wir nicht weglaufen. Das Lustige und zugleich Traurige war, dass ich meine zwei Kleinkinder und fünf Gepäckstücke dabeihatte – wie hätte ich also fliehen können? Das Flugzeug war voll. Ich hatte Angst, dass meine Augen die Augen der Flugbegleiterin treffen – warum weiß ich nicht. Ich hatte Schuldgefühle – war ich doch in der Position des Angeklagten, des Bösewichts, des Gesetzesbrecher. Ich war so verwirrt, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich meinen Kindern erklären sollte, warum wir unsere Familienangehörige ein weiteres Mal verlassen mussten. Als wäre es unser Schicksal zu Reisen, keine Stabilität zu haben.

Als wir am Hamburger Flughafen ankamen, stiegen alle Passagiere aus, nur wir nicht. Auch die Flugbegleiterin mit dem kalten Ausdruck im Gesicht blieb an Bord. Sie machte jedoch keine Andeutungen, um zu zeigen, wann wir uns bewegen durften. Ich blieb bei meinen Kindern, die nervös wurden, da alle Passagiere ausgestiegen waren, nur wir nicht. Ich stand auf, ging auf sie zu und fragte, wie lange wir noch bleiben müssten. Sie sagte, dass der Pilot das entscheiden würde. Dann fand ich wonach ich suchte: Ich ging auf das Cockpit zu – meine Kinder im Schlepptau. Sie hielten sich an meiner Kleidung fest. Ich sah meine Kinder an, lachte, um meine Anspannung zu verbergen und ihnen ihre Sorgen zu nehmen, sagte ihnen, dass wir den Onkel Pilot im Cockpit besuchen gehen.

Er stand lächelnd vor dem Cockpit und entschuldigte sich, sagte, dass er wie wir auf den Flughafenpolizisten wartete, um uns ihm zu übergeben. Ich hielt ein Seufzen zurück, schaute meine Kinder an. Ich fragte dann den Piloten scherzhaft, ob sich mein Sohn, in der Zeit, wo wir warteten, das Cockpit von Innen anschauen könne. Er schaute mir kurz in die Augen. Ich bekam Angst. Dann reagierte er abrupt, was ich nicht erwartet hatte: Er führte meinen Sohn ins Cockpit. Ich machte Fotos von ihm, während er so tat, als würde er das Flugzeug fliegen, fragte mich aber dabei, was uns wohl hier erwartete.

Als das Polizeiauto ankam, parkte es direkt vor der Flugzeugtreppe. So konnte ich den Flughafenboden nicht mit meinen Füßen berühren, sondern stieg von der Treppe direkt in das Auto, während ich dabei von drei Polizisten umstellt war. In diesem Moment konnte ich meinen Kindern nicht das Gefühl der Sicherheit geben, denn ich zitterte. Ich trug meine Tochter auf dem Arm, hielt meinen Sohn an der Hand, der sie drückte, als würde er sagen: ” Ich bleibe bei dir. Hab keine Angst”.

Übersetzung: Karin Minawi

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