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„Zu Integration gehört mehr, als nur die deutsche Sprache zu lernen“

Mittwoch 31. Januar 2018

Es riecht nach feinen Gewürzen. Die Frauen unterhalten sich. Auf dem Herd brodelt ein Topf mit gefüllten Weinblättern. Es ist Mittwochnachmittag. Die Frauengruppe des LouLou-Clubs trifft sich zu ihrem wöchentlichen Kochkurs. LouLou bedeutet Perle auf Arabisch und Persisch. Der Name ist naheliegend, denn der Verein hat seinen Sitz in der Perlebergerstraße im Wedding. Der LouLou-Club ist ein Treffpunkt für Geflüchtete und Alteingesessene aus der Nachbarschaft. So sitzen auch heute an dem langen Tisch im großen Raum Frauen aus Syrien und deutsche Frauen beieinander. Sie haben viele Themen, über die sie sich austauschen. Heute geht es allerdings vor allem um eines: Wie nur gelingt es, die zarten Weinblätter so um die Reisfüllung zu wickeln, dass sie zusammenhalten, aber nicht kaputt gehen?

Integration ist ein beidseitiger Prozess

„Integration heißt nicht nur, dass man Deutsch lernt und sich in der neuen Sprache verständigen kann. Integration ist ein beiseitiger Prozess: Es gilt die gegenseitige Kultur kennenzulernen und ins Gespräch zu kommen“, sagt Mariana Karkoutly , die Gründerin und Koordinatorin des LouLou-Café.

Entstanden ist das Projekt im Oktober 2016. Zunächst war dies ein „ganz normales“ Café. Ab Herbst 2015 kamen immer mehr geflüchtete Frauen und Männer und fragten im Café nach dem Weg zum LaGeSo. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales, wo sich damals alle neuankommenden Flüchtlinge anmelden mussten, liegt ganz in der Nähe. Aus der einen Frage wurden viele und sie blieben zum Tee. Nach und nach wurde aus dem Café ein Verein zur Unterstützung geflüchteter Menschen. Es geht um Selbsthilfe, Vernetzung und Beratung von Geflüchteten. Tee und Kaffee gibt es natürlich auch weiterhin.

Das LouLou-Cafe gehört zu der Organisation Stadtrand e.V., die seit 25 Jahren Selbsthilfegruppen und Projekte in Berlin unterstützt. Finanziert wird LouLou durch Mittel des Landes Berlin und der AOK. „Dahinter steht die Auffassung, dass zur Gesundheit der Menschen auch gehört, dass sie sich wohlfühlen und einen Ort haben, an dem sie sich treffen können“, erklärt Mariana Karkoutly, warum eine Krankenkasse sich an einem Club beteiligt: „Gesundheit ist nicht nur die Gesundheit des Körpers, sondern auch die Gesundheit der Seele“.

Protestbazare

So organisierte sie kürzlich eine Workshopserie mit einer bildenden Künstlerin. Dabei ging es nicht nur darum, dass die Frauen künstlerische Ausdrucksformen finden. Sie organisierten auch eine Ausstellung, mit der sie auf die Situation in den Unterkünften aufmerksam machen wollten: Es entstand eine Mischung aus Bazar und Protestdemonstration. Inzwischen wurden viele Unterkünfte aufgelöst und die Geflüchteten sind umgezogen. Doch damit sind natürlich die Probleme und Sorgen nicht vorbei. Derzeit ist das Thema Familienzusammenführung und die öffentliche Debatte darüber Gesprächsthema Nummer eins. Viele Frauen im Loulou-Café haben Kinder in verschiedenen Ländern und sie können die Kinder nicht nach Deutschland bringen, weil sie 18 über Jahre sind. So soll es auch hierzu bald eine Protestveranstaltung geben.

Regelmäßig treffen sich Gruppen in den Räumen und jeden Samstag wird ein Sprachcafe angeboten. Von 15 bis 17 Uhr kommen hier Frauen zusammen, die gemeinsam mit einer Deutschlehrerin Konversation üben.

Wie finde ich eine Wohnung in Berlin? Zu diesem Thema gibt es besondere Sprechstunden mit den Wohnungsexperten des Vereins Evangelische Jugend und Fürsorgewerk (EJF). Sie beraten in Fragen rund um Wohnberechtigungsscheine, Umgang mit Wohnungsbaufirmen und wie sich auf dem schwierigen Berliner Wohnungsmarkt vielleicht doch noch eine Wohnung finden lässt.

Als nächstes wollen die Frauen nun ein Buchprojekt angehen. Zusammen mit einer Gruppe von Studierenden der Freien Universität wollen sie ihre Geschichten sammeln und aufschreiben: Wo kommen sie her? Wie sind sie nach Deutschland gekommen und wie finden sie sich hier zurecht? Dieses Buch wird in vier Sprachen (Englisch, Deutsch, Arabisch, Persisch) erscheinen, so dass möglichst viele verschiedene Menschen es lesen können. „Das Wichtigste an diesem Buchprojekt ist, dass die Frauen einen Weg finden, über ihre Leben und das, was sie beschäftigt zu sprechen. Jede auf ihre Art“, so Karkuotli. Reden und miteinander ins Gespräch kommen, das war von Anfang an das worum es ging im LouLou-Cafe im Wedding.