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Berlin, Liebe auf die erste S-Bahn

Montag 11. Dezember 2017

Berlin ist eine sehr große Stadt. Sie ist so groß, dass sie die ganze Welt verschlingen und verdauen kann. Zugleich respektiert sie aber jeden einzelnen Bewohner in seiner Besonderheit und in seinen Träumen. Dies gilt für die Lebenden ebenso wie für die Toten.

Dies alles, dieser ganze Kosmos wird zusammengehalten durch das eiserne Band der S-Bahn. Die Waggons rattern vorbei an all dem, was Berlin ausmacht: An seinen schönen Gärten, am Chaos der Straßen und an seinen Häusern, die so kaputt und heruntergekommen sind, dass man vermuten muss, dass hier die gleichen Instandhaltungsfirmen beauftragt wurden, die auch in Damaskus tätig sind.

Abdolraham Omaren ist Chefredakteur der arabischen Redaktion von Amal, Berlin!

Ich lehne meinen Kopf ans Fenster und lausche. Der Rhythmus der Stadt setzt sich zusammen aus dem Rattern der Räder auf den Schienen und der Erinnerung an vergangene Zeiten. Bildfetzen, Momentaufnahmen fliegen vorbei:  Ein paar Betrunkene wanken zum Park, eine Dame in ihren Achtzigern steht neben ihrem ebenfalls uralten Hund. Ein Mädchen übt Fahrradfahren. Ein Schwarm Vögel stürzt sich auf die Brotkrumen, die eine freundliche Seele ihnen zuwirft. Flaggen wehen von Balkonen. Die türkische Fahne neben der von Hertha Berlin und weiter hinten auch die Regenbogenfahne.  Eine Gruppe Schulkinder stürmt in den S-Bahn Waggon. Sie alle tragen grell-gelbe Westen mit leuchtenden Reflektoren. So kann die Lehrerin sie besser im Auge behalten, dass sie im Gewirr der Bahn und der Stadt nicht womöglich verloren gehen.

Dann wird die Bahn von einem Augenblick auf den nächsten zur Bühne: Straßenmusikanten betreten den Waggon und spielen wie eine ganze Band. Ein musikalisches Band zwischen zwei Stationen, es lenkt dich ab und dann reißt es plötzlich. Das Schließen der Türen wird von einem hässlichen Pfeifton angekündigt, dann knallen sie zu und die Musik ist verschwunden. Die Bewegung von Menschen und Fahrzeugen, von Vögel und Tieren. Dann wird ein Wasserweg überquert. Hier wächst zusammen, was nicht unbedingt zusammengehört, aber am Ende passt es doch ganz gut: Bäume wachsen zwischen Betonplatten. Hunde hüpfen neben ihren Herrchen auf dem Gehweg, dass man fast den Eindruck bekommt, dass hier die Tiere ihre Menschen ausführen.

Man kann gar nicht anders, man muss sich in Berlin verlieben. Trotz seiner Abgründe und trotz des verrückten Wetters. Trotz seiner Aufmüpfigkeit und seiner niederschmetternden Trauer. Es ist eine schöne Stadt und selbst wenn du diesem gefürchteten rassistischen Blick in den Augen mancher begegnest. Kümmere dich nicht weiter darum, sondern hoffe weiter für die Stadt und ihre Bewohner.

Foto: Amal, Berlin!