Beobachtungen

Eine Bewegung, die sich bewegt hat

Montag 8. Januar 2018

Wie sich die landesweiten Demonstrationen im Iran zur Grünen Bewegung verhalten – ein Kommentar von Negin Behkam.

Es scheint hundert Jahre her, dass wir auf die Straße gingen und riefen: “Gebt uns unsere Stimme zurück!” Wir hofften auf Reformen. Die Menschen waren stolz auf die Schweigemärsche. Die Regierung antwortete mit Stöcken und Gewehren. Inzwischen habe ich mich geändert. Aber seit mehr als einer Woche wird klar, dass nicht nur ich mich geändert habe, sondern auch das Land.

Diejenigen, die heute auf die Straße gehen, um sich die Rechte zu nehmen, die mit Füßen getreten wurden, sind andere als in den Tagen der Grünen Bewegung. Sie tragen keine grünen Armbänder als Erkennungszeichen. Und: Sie haben keine Anführer und brauchen keine Sorge zu haben, dass diese Anführer unter Hausarrest gestellt werden. Dass es keine Anführer gibt, macht es jetzt möglich, dass viele Leute aus ganz unterschiedlichen politischen Gruppen zusammen auf die Straße gehen.

Proteste mit neuem Gesicht

Die vielen Jahre der Unterdrückung haben die Proteste nicht weicher gemacht, sondern ihnen ein neues Gesicht gegeben. Sie sind radikaler geworden. Diesmal möchte niemand seine verlorene Stimme in einer zweifelhaften Präsidentschaftwahl zum Ausdruck bringen. Stattdessen greifen die Unzufriedenen nach den Wurzeln und wollen sie ausreißen. Viele der Slogans heute stellen das ganze politische System in Frage und vor allem eine Person: Ali Khamenei, den Führer der Islamischen Republik Iran.

Die rote Linie ist überschritten und die Grenzen fallen. Unzufriedene Menschen zögern nicht mehr, mit ihren Slogans Tod von jenem Mann zu fordern, der über all die Jahre vom Propaganda-Apparat des Regimes als “Obersten Religionsführer” bezeichnet wurde. Dass die Stimmen der Menschen nicht gehört wurden, hat die Slogans nur radikaler gemacht. Jetzt rufen die Menschen: “Sayed Ali!” – “Schäm dich, hau ab!”

Forderungen sind vielfältiger

Nicht nur die Tatsache, dass jetzt auch die Menschen in den kleinen Städte im Iran demonstrieren, macht den Unterschied zu den Demonstrationen vor acht Jahren aus. Die Grüne Bewegung hatte immer auch religiöse Aspekte. Ihr Name, ihre Farbe, dass die Menschen sich verabredeten, jede Nacht um 10 Uhr auf die Straße zu ziehen und Allahu Akbar zu rufen, zeigt das. Heute haben die Menschen einen anderen Zugang. Ein Teil der Bewegung richtet sich gezielt gegen den islamischen Aspekt des Regimes: “Die Mullahs gehören nicht zu uns!” “Unabhängigkeit, Freiheit, Iranische Republik”, “Sie haben den Islam benutzt, um groß zu werden – und beißen nun die Leute.”

Die Grüne Bewegung hatte eine klare Forderung: Die Menschen wollten wählen. Vor allem hatten sie genug von Ahmadinedschads Täuschungsmanövern – dem damaligen Präsidenten und seinen Gefolgsleuten. Heute haben die Forderungen nicht nur eine Linie. Sie fingen beim Brot an, Arbeitslosigkeit und Korruption. Dann geht es um Arbeit und steigende Lebenserhaltungskosten, und um Freiheit und politische Forderungen.

Vom Land in die Stadt

Jetzt ist Teheran nicht mehr das Zentrum der Proteste und der Rebellion; die neuen Proteste im Iran sind von den Menschen außerhalb der Hauptstadt gemacht und haben die Teheraner mitgerissen.

Seit der Geburt der Grünen Bewegung sind ungefähr acht Jahren vergangen, die Forderungen der Demonstranten von damals wurden nicht umgesetzt. Aber am Ende haben die Leute, die damals Widerstand geleistet haben, sich verändert und ihren Zugang zu den Dingen geändert. Acht weitere Jahre des Leidens und der Unterdrückung haben das gesicht des Protestes geändert. Die Proteste von heute sind nicht gleichzusetzen mit den Protesten der grünen Bewegung, aber sie sind daraus hervorgegangen.

Negin Behkam